Kulturluftbrücke am Tempelhofer Feld will Kunst-Begegnungen im Kiez anregen

gester_herrfurthplatz„Durchhalten. Nicht die Nerven verlieren. Die Zähne zusammenbeißen und sich daran aufrichten, daß es auch wieder einmal anders kommt.“ Die Berliner Journalistin Ruth Andreas-Friedrich hielt diese Gedanken im April 1948 in ihrem Tagebuch fest. Einige Monate später, im Juli, notierte sie: „Wenn man nur wüßte, wie es weiterginge. Immer noch schwanken wir unentschlossen hin und her. Die Luftbrücke stabilisiert sich. Alle drei Minuten ein Flugzeug.“

Fast sieben Jahrzehnte später unternahm die Künstlerin Dagmar Gester eine fotografische Bestandsaufnahme der Umgebung des ehemaligen Tempelhofer Flugfeldes, dem damaligen Brennpunkt der Notversorgung aus der Luft. In der Ausstellung „Nebeltage. 70 Jahre nach der Berliner Luftbrücke“, die im Januar 2018 im Museum Neukölln eröffnet wurde stellte Gester schließlich ihre aktuellen Fotografien prägnanten Tagebucheintragungen von Ruth Andreas-Friedrich gegenüber, die aus dem Buch „Der Schattenmann“ stammen.

Jetzt will Dagmar Gester eine Brücke zwischen damals, gestern und heute schlagen – gut ein Jahr nach dem Beginn der Corona-Pandemie, die wohl eine der größten Krisen in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist: „Die alliierte Luftbrücke brachte 1948/49 Kohle und Grundnahrungsmittel nach West-Berlin. 2021 möchte ich die kulturelle Grundversorgung sichern und Momente der Erbauung, Erinnerungen und Perspektive sowie Trost liefern“, sagte mir die Künstlerin, die ich am letzten April-Sonnabend an der Weinhandlung Landsmann auf dem Herrfurthplatz traf, um mich nach ihrer Plakat-Aktion zu erkundigen. „Ich biete hier fünf Poster zur Auswahl in DIN-A2 mit Bildern aus meiner Serie ‚Partikel‘ und Zitaten aus dem Tagebuch von Ruth Andreas-Friedrich“, erklärte Gester. „Kunstorte und Ateliers sind geschlossen. Es gibt seit praktisch einem Jahr keine Kunstbegegnungen mehr. Die Räume sind eng geworden. Die aseptischen Kontakte im Internet sind kein vollwertiger Ersatz“, fügte sie gester_plakat_19480422hinzu und klagte über das Leben während der Corona-Krise: „Es fehlt der Zeitplan. Wann ist das Ende der Pandemie?“

Am 5. Juni wird Dagmar Gester noch einmal den Tisch mit ihrer kleine Kultur-Botschaft vor der Weinhandlung am Herrfurthplatz aufstellen. Poster aus der Serie „Partikel“ hängen derzeit in der Schillerpromenade an der Bürotür der „Kiez und Kneipe“ und in den Fenstern vom Café Kanel sowie Friseursalon Daniela in der Herrfurthstraße. Ab Juni sind alle fünf Plakate der Serie wieder im Wein- und Spirituosenhandel Landsmann zu sehen und zu erwerben. Interessenten können sich zudem direkt an die Künstlerin wenden. Nähere Informationen: www.gester.eu/de/luftbruecke-2021

=Christian Kölling=

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