Milchmädchen-Projekt lädt zum Spaziergang im Schlosspark Britz ein

milchmaedchen_perretteDas Schloss Britz präsentiert in den kommenden Monaten nacheinander vier künstlerische Interventionen von Jörg Lange, Claudia von Funcke, Frederik Foert und Aneh Ondare. Die zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit der Skulptur des Milchmädchens im Schlosspark auseinander und interpretieren ihre Geschichte neu.

Jörg Lange betrachtet die Skulptur als eine Figur der Gegenwart: „Ich stelle mir vor, wie sie als bekannte Influencerin ihre Projekte und merkantilen Strategien im eigenen Channel verbreitet oder als erfolgreiche Musikerin ihr Schicksal oder ihre soziale Herkunft besingt. Den imaginierten Wandel, vom gescheiterten Milchmädchen zum erfolgreichen It-Girl.“ Um dem bislang namenlosen Milchmädchen ihre Identität zurückzugeben, hat er der Trauernden eine vergoldete Halskette mit dem Namenszug „Perrette“ umgehängt. „Die leichte Halskette nimmt auch Bezug auf die Zartheit der skulpturalen Erscheinung. Ein Schmuckstück und eine selbstbewusstes Statement, zur eigenen Identität und zu ihrer Verlusterfahrung zu stehen“, erklärt der Künstler, der vor einigen Tagen den Auftakt der vierteiligen Kunstaktion machte.

„Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.“ Der französische Schriftsteller Jean de La Fontaine strickte um diese alltägliche Erkenntnis seine berühmte Fabel „Die Milchfrau und die Milchkanne“, die von enttäuschter Hoffnung handelt: Eine junge Bäuerin träumt davon, das Geld, das sie auf dem Markt für einen Krug Ziegenmilch einnehmen will, in den Ankauf von Küken zu investieren. Gemästet sollen die Hühner dann das Geld für den Erwerb von Ferkeln einbringen. Ausgewachsen sollen sie den Kauf einer Kuh und eines Kalbes ermöglichen und am Ende gar einen eigenen Hof. Doch bevor die Milchfrau auf dem Markt ankommt, stolpert sie In ihrer krug_milchmaedchenungestümen Vorfreude. Der Krug zerspringt und damit auch die Hoffnung auf künftigen Reichtum. Die Redewendung „Milchmädchenrechnung“ und der sprichwörtliche Rat, nicht über vergossene Milch zu klagen, leiten sich aus dieser im 17. Jahrhundert entstandenen Dichtung ab.

Der russische Bildhauer Pawel Sokolow schuf 1816 in Anlehnung an die Geschichte des Milchmädchens Perrette die Skulptur einer sitzenden jungen Frau, die traurig auf ihren zerbrochenen Krug schaut. Das Original befindet sich im ehemaligen kaiserlichen Garten von Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg. Im Park von Schloss Britz steht eine Replik der Skulptur, die 1998 aus Anlass der 10-jährigen Partnerschaft zwischen den Staatlichen Museen St. Petersburg und der Kulturstiftung Schloss Britz aufgestellt wurde. 2020 wurde der Krug der Britzer Brunnenanlage entwendet und wird nun als Nachguss rekonstruiert. Bis zur Fertigstellung im Sommer findet Kunstaktionen statt, die bei einem Spaziergang durch den Park zu erleben ist; der Eintritt ist frei.

=Christian Kölling=