Straßenumbenennung in Neukölln kann Meilenstein in den Beziehungen zu Tansania werden

enthuellung_lameck_strasseWir wissen nicht, was der Rixdorfer Bürgermeister Hermann Boddin dachte, als im November 1890 auf Initiative des Kaisers nah am Hermannplatz die Verbindung zwischen Hasenheide und Karlsgartenstraße zu Ehren des Kolonialoffiziers Hermann von Wissmann benannt wurde. Wahrscheinlich war Wissmann für ihn ein Held, wie für die meisten seiner Zeitgenossen. Das Schicksal der Kolonialisierten im damaligen Deutsch-Ostafrika interessierte in der aufstrebenden Kolonialmetropole Berlin damals kaum jemanden ernsthaft.

Doch der Blick auf Deutschlands machtpolitische Ambitionen in der Region, die heute die Staaten Tansania, Burundi und Ruanda umfasst, hat sich in den vergangenen 130 Jahren gewandelt: Begleitet von einer festlichen Feierstunde mit Musik im Garten des Oyoun, der früheren Werkstatt der Kulturen, erhielt die Wissmannstraße deshalb nach einer jahrzehntelangen kommunalpolitischen Diskussion am Freitagnachmittag lameck_zeichnungein neues Straßenschild. Sie trägt nun den Namen der tansanischen Politikerin Lucy Lameck, die die erste Frau im Regierungskabinett nach der Unabhängigkeit des Landes war. Das alte Straßenschild wurde Dr. Udo Gößwald übergeben, der es als Leiter des Museums Neukölln aufbewahren wird.

„Ein wunderbarer und sehr einzigartiger Moment. Heute ist ein Ende und heute ist ein Anfang“, begrüßte Bezirksbürgermeister Martin Hikel die rund 50 Anwesenden zum Beginn des Festaktes, der live im Internet übertragen sauti_e_haalawurde. Lameck sei als Kämpferin gegen Rassismus, Kolonialismus und Fremdbestimmung bekannt geworden und verkörpere elementare Werte wie Emanzipation, Selbstbestimmung, Gleichheit der Geschlechter und Diversität. Sie sei deshalb als Namensgeberin einer Straße in Neukölln ganz besonders geeignet. „Ich gebe offen zu, ja, ich habe mich geärgert über manchen rassistischen oder chauvinistischen Unsinn, der in den letzten Woche vor der heutigen Umbenennung so geschrieben wurde“, fügte der SPD-Politiker im zweiten Teil seiner Rede hinzu. Geschichtsvergessen werde von manchen ganz bewusst der Kolonialismus zum Teil einer erhaltenswerten deutschen Kultur hochstilisiert. „Da wird ohne große Kenntnis und entgegen der Faktenlage das Gespinst einer unterdrückenden sozialistischen Regierung heraufbeschworen“, sagte Hikel und resümierte: „Mir steht es nicht zu, zu beurteilen, wie eine neu gewählte Regierung in den 1960er Jahren ihr Land in die Unabhängigkeit geführt hat, nach Jahrzehnten der Fremdbestimmung und der Unterdrückung.“

possiDer in Berlin, Dr. Abdallah Saleh Possi, betonte, dass das Vertrauen in den freundschaftlichen Beziehungen beider Staaten nach der grausamen Kolonialzeit gewachsen sei und dankte allen Beteiligten ausdrücklich für die Straßenumbenennung zu Ehren der tansanischen Politikerin. „Es gibt noch mehr Wissmannstraßen in Deutschland. Und das heißt, wir müssen weiter arbeiten!“, unterstrich der Botschafter allerdings ebenso unüberhörbar. Mnyaka Sururu Mboro kam nach dem Studium Ende der 1970er Jahre aus Tansania nach Berlin und setzt sich seitdem für die Aufarbeitung des im deutschen Namen während der Kolonialzeit begangenen Unrechts ein. „Der Heilungsprozess hat angefangen. Deutschland schuldet uns aber noch eine Entschuldigung. Ohne Entschuldigung kann mborokeine Versöhnung anfangen“, sagte Mboro am Freitag unter großem Applaus. „In Tansania wird Wissmann Maafa genannt. Das heißt, die schreckliche Katastrophe!“ Mit Strafexpeditionen seiner sogenannten Schutztruppen habe er den Widerstand der Bevölkerung in einem unfassbar brutalen Krieg niedergeschlagen, berichtete Mboro weiter. Die Bundesrepublik forderte er außerdem auf, dass Kulturgüter und menschliche Gebeine aus Afrika – wie z. B. der Schädel des Mangi Meli – die nach wie vor in Deutschland lagern, endlich zurückgegeben werden.

korteHeute vollziehen wir eine Tat, die längst überfällig war: Die Tilgung des Namens eines Kolonialisten aus dem Stadtbild Berlins. Es erfüllt mich mit großer Freude, dass wir mit Lucy Lameck die erste Frau mit Regierungsverantwortung im Unabhängigen Tansania ehren“, sagte Bezirksstadträtin Karin Korte. Bis heute dauert die Auseinandersetzung an, wie mit dem beschämenden Teil der Kolonialvergangenheit umzugehen ist. Eine Initiative der AfD-Bezirksverordneten Anne Funk (früher Zielisch) mit dem Namen „Wissmann bleibt“ reichte noch am 31. März 2021 Klage beim Verwaltungsgericht Berlin gegen die Straßenumbenennung ein. Der FDP-Bezirksverordnete Roland Leppek distanzierte sich zwar von den Taten des Kolonialoffiziers Wissmann, zweifelte aber wiederholt an, ob Lameck eine „lupenreine Demokratin“ sei.

eckertDoch mit Foren, Ausstellungen, Stadtspaziergänge und einem ausführlichen Beteiligungsprozess konnte die Verwaltung der für Bildung und Kultur zuständigen Stadträtin die breite Akzeptanz in der Bevölkerung herstellen, die für eine Straßenumbenennung nötig ist. Am Mittwochnachmittag moderierte der Neuköllner Amtsleiter für Weiterbildung und Kultur, Matthias Klingenberg, eine Panel-Diskussion im Internet . Die Historiker Dr. Oswald Masebo von der Universität Dar es Salaam und Prof. Dr. Andreas Eckert von der Humboldt Universität Berlin tauschten sich dabei u. a. über die Anfangsjahre des unabhängigen Tansanias, den Panafrikanismus sowie über die afrika_regal_april2021_hnbUjamaa-Idee aus. Die Helene-Nathan-Bibliothek stellt bis zum 7. Mai eine Auswahl von Medien zur Ausleihe bereit, die der aktuellen subsaharischen Literatur aus und über Afrika gewidmet ist. Weitere Veranstaltungen des Rahmenprogramms finden in den kommenden Tagen statt.

28. April, 17 Uhr: Mit der dekolonialen Erinnerungskultur befasst sich auch die Online-Konferenz von Berlin Global Village. Mit Vertretern der afrikanischen Community werden die bisherige Befassung mit der kolonialen Vergangenheit in Neukölln betrachtet und das geplante Kunstprojekt „Dekoloniales Denkzeichen“, das in Neukölln entstehen soll, diskutiert.

29. und 30. April, 14 Uhr: Migrationsbiografien und Identitätsfragen, Gemeinschaft und antikoloniale Denkanstöße stehen auch im Mittelpunkt der Performance und anschließenden Diskussionsrunde von „Out Of Time Embassy“. Die Koproduktion von OOTE und Oyoun findet im Garten von Oyoun statt.

Ausführliche Informationen zu allen Veranstaltungen finden Sie auf der Homepage des Bezirksamtes unter
https://www.berlin.de/ba-neukoelln/aktuelles/veranstaltungen/die-neue-lucy-lameck-strasse-umbenennung-und-rahmenprogramm-1075274.php

=Christian Kölling=

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