Die Elektrische kehrt in die Sonnenallee zurück

m10_oberbaumbrueckeAm südöstlichen Ende der Sonnenallee stellte die Straßenbahn mit Stilllegung der Linie 15 ihren Verkehr im Juli 1966 ein. Die vielbefahrene Magistrale sollte damals für den stetig wachsenden Autoverkehr ertüchtigt werden. Am nordwestlichen Ende der Sonnenallee kann die Elektrische nun frühestens 2028 wieder verkehren: Der Senat beschloss am Dienstag auf Vorlage der Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Regine Günther, die Verlängerung der Tram M10 vom S+U-Bahnhof Warschauer Straße bis zum Hermannplatz. Die neue Straßenbahntrasse führt über die Oberbaumbrücke in Friedrichshain, mündet in die Falckensteinstraße und quert den Görlitzer Park auf einer Länge von circa 150 Metern. Durch die Glogauer Straße und über die Thielenbrücke geht es in die Pannierstraße nach Neukölln. An der Sonnenallee biegt die Neubaustrecke schließlich rechts in Richtung Hermannplatz ab. Die Endhaltestelle der fast schnurgeraden und 2,9 sonnenalleeKilometer langen Strecke ist an der Urbanstraße in Kreuzberg vorgesehen.

„Wir planen mit der M10-Verlängerung eine weitere Straßenbahnstrecke, die Ost und West noch stärker verbindet. Die Linie bringt neue Anbindungen an die U-Bahnen U7 und U8 und schließt so Netzlücken im Herzen der Stadt“, sagte Senatorin Günther. Die geschätzten Kosten des Projektes betragen derzeit 62 Millionen Euro. Besonders eine guenther_pk_20210413Kennzahl hob Günther während ihrer Präsentation auf der Landespressekonferenz ausdrücklich hervor: „Das betriebswirtschaftliche und das volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Verhältnis beträgt 2,87. Das ist schon sehr gut!“ Damit ein Projekt mit Bundesmitteln gefördert werden kann, müsse die Kennzahl über 1 liegen, erläuterte die Senatorin.

pannierstr_sonnenalleeDie jetzt vom Senat beschlossene Straßenbahntrasse ist bereits seit 1993 (!) im Gespräch. Kurz nach Öffnung der Mauer gab die Fahrgastinitiative Berlin einen Planungsentwurf in Auftrag und veröffentlichte ihn. Darin hieß es u. a.: „Falckensteinstraße – Görlitzer Park – Pannierstraße – Sonnenallee – Hermannplatz. Problematisch ist dabei die verkehrsberuhigte Zone in der Falckensteinstraße und die Führung durch den Park. Andere Städte haben allerdings Lösungen für solche Fälle gefunden, die sich auch in der Praxis bewährt haben. Denkbar wäre aber auch, den Görlitzer Park zu umfahren.“

Beharrliche Lobbyarbeit von Fahrgastverbänden und Verkehrsinitiativen, die zweieinhalb Jahrzehnte lang ihr Anliegen immer wieder formulierten, trug letztlich dazu bei, dass die Verkehrsverwaltung Mitte November 2018 in einem offiziellen Bürgerbeteiligungsverfahren sieben verschiedene Vorschläge zur Abstimmung stellte, wie die Straßenbahnlinie M10 von der Warschauer Brücke bis zum Hermannplatz verlängert werden könnte. “Die planerisch zu bevorzugende Streckenvariante ist nach intensiver Bürgerbeteiligung und sorgfältiger Abwägung der Alternativen bestimmt worden. Die Senatsverwaltung hat Vor- und Nachteile verschiedener Trassenführungen untersucht und anhand eines umfänglichen Kriterienkatalogs gemäß einer für Berlin einheitlichen Methodik bewertet“, betonte deshalb die Verkehrsverwaltung nach Bekanntgabe des Senatsbeschlusses.

pannierstr_richtung_sonnenallee„Durch den Görlitzer Park werden wir gemeinsam mit dem Bezirk eine stadtgrünschonende Verkehrsführung entwickeln und die Grünanlage weiter aufwerten. Wenn wir das richtig und gut machen, kann man von einer Durchschneidung des Parks eigentlich nicht sprechen“, sagte Günther auf der Pressekonferenz. Am Spree-Ufer – nicht weit vom Görlitzer Park entfernt – soll zusätzlich eine Promenade als Ausgleichsmaßnahme entstehen. In der Falckensteinstraße wird die Tram zweigleisig in der Mitte geführt. Links und rechts der Trasse wird es breite Radfahrstreifen geben, weshalb viele PKW-Stellplätze in der verkehrsberuhigten Straße entfallen sollen.

nahverkehrsplan_2019_2023Der Neuköllner Bezirksverordnete André Schulze, der für die Grünen bei den bevorstehenden Abgeordnetenhauswahlen als Direktkandidat im Wahlkreis 1 (nördliche Sonnenallee) antritt, freute sich öffentlich: „Tolle Nachricht für den Neuköllner Norden. Mit der Verlängerung der M10 wird die Verbindung zur Warschauer Straße verbessert und die Tram kommt zurück nach Neukölln.“ Schulze sagte mir zudem, dass im Nahverkehrsplan 2019-2023 unter dem Punkt Mittelfristiger Netzausbau eine weitere Tram-Linie unter dem Arbeitstitel „M41“ geführt wird. Die Straßenbahnstrecke soll von Schöneweide über den Hermannplatz in Richtung Potsdamer Platz führen. „Meines Wissens gibt es bisher nur Vorplanungen, keinerlei Detailplanungen. Die Linienführung würde sich nach momentaner Planung aber wohl an der des Busses M41 orientieren“, so Schulze. Die Rückkehr der Elektrischen in die Sonnenallee wäre in diesem Fall also erst ein Anfang.

=Christian Kölling=

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