Erinnern an die deutsche Kolonialherrschaft auf dem Garnisonsfriedhof

gruene_jugend_neukoellnAus Anlass des Internationalen Tages gegen Rassismus am 21. März verhüllten drei Aktive der Grünen Jugend Neukölln den sogenannten Afrikastein auf dem Garnisonsfriedhof. Der vorn geglättete Findling steht an der östlichen Begrenzungsmauer des Friedhofs am Columbiadamm. Er trägt die Inschrift: „Von 41 Angehörigen des Regiments, die in der Zeit vom Januar 1904 bis zum März 1907 am Feldzuge in Süd-West-Afrika freiwillig teilnahmen, starben den Heldentod.“ Es folgen die Namen von sieben Offizieren und Infantristen. Die Inschrift endet mit dem Satz: „Das Offizierskorps ehrt mit diesem Stein das Andenken der Helden.“

transparent„Dass wir über 100 Jahre nach dem Genozid an den Herero und Nama weiterhin die Täter mit einem Gedenkstein ehren, ist beschämend: Wir fordern die Entfernung dieses Steines und einen würdigen Gedenkort für die Opfer!“, begründete Tjado Stemmermann im Namen der Parteijugend die Aktion, die Sonnabendnachmittag stattfand. Dann bauten die Drei eine Einhausung aus Holzlatten, die mit schwarzen Tüchern verhängt wurde. Das Tuch auf der Vorderseite trug in weißen Buchstaben die Aufschrift: „In Gedenken an die Opfer des Völkermordes an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908.“

einhausungUnmittelbar vor dem Stein war erst am 2. Oktober 2009 in Anwesenheit des namibischen Botschafters, Neville Gertze, eine kleine Gedenktafel enthüllt worden, die seitdem an vermutlich weit über 50.000 Opfer erinnert. Der Festakt, dem eine fünf Jahre dauernde kommunalpolitische Kontroverse über den Text auf der Gedenkplatte vorausgegangen war, fand genau an dem Tag statt als sich Vernichtungsbefehl des Generalleutnants von Trotha zum 105. Mal jährte. Damals war peinlich genau darauf geachtet worden, die Worte „Völkermord“ oder „Genozid“ auf der Tafel zu vermeiden.

„Die kleine Gedenkplatte für die Opfer der Ovaherero und Nama auf dem Neuköllner Garnisonsfriedhof liegt im Schatten des großen Gedenksteins für ihre Täter. Weder Opferzahlen noch der Genozid werden in der Inschrift erwähnt“, kritisierte die Neuköllner Abgeordnete Dr. Susanna Kahlefeld: „Dieser Zustand ist beschämend, es bedarf einer schnellen und umfassenden Umgestaltung des Ortes unter Einbeziehung der afro-diasporischen Gruppen und dekolonialen Organisationen“kaunatjike, sagte am Wochenende die Grüne Politikerin und forderte eine grundlegende Umgestaltung des Gedenkensembles. „Meine Großmutter hat den Völkermord überlebt“, berichtete Israel Kaunatjike, der die Protestaktion sichtlich bewegt und mit Zustimmung begleitete. Er ist Herero, wurde in Namibia geboren und lebt seit 1970 in Berlin, wo er sich seit langem in der Initiative „Völkermord verjährt nicht“ engagiert.

Der sogenannte Afrikastein auf dem Garnisonsfriedhof war ursprünglich 1907 in Kreuzberg an der Kaserne des Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2 aufgestellt worden. Heute ist dort nur noch das ehemalige Offizierskasino in der Urbanstraße 21 erhalten. 1973 wurde der Stein im damaligen West-Berlin auf Initiative zweier militärischer Traditionsverbände auf den städtischen Friedhof am Columbiadamm umgesetzt. Links auf der Oberseite des Findlings wurde damals ein Enblem zugefügt, das eine Palme im roten Wappen mit dem Eisernen Kreuz und dem Schriftzug „Afrika 1941 1943“ zeigt. Auf der rechten Seite des Steins wurde ein Abzeichen des „Traditionsverbandes ehemaliger Schutz- und Überseetruppen“ angebracht, das einen stilisierten Schutztruppenhut mit einer Kokarde in den Farben des deutschen Kaiserreichs zeigt.

=Christian Kölling=