“Die Hermannstraße 48 ist zugleich Zuhause und Schutzraum”

Mit einer Schweigeminute für Marco Reckinger, der lange Zeit obdachlos im Schillerkiez lebte und vor wenigen Tagen in der Herrfurthstraße starb, begann am Sonnabendnachmittag eine Protestkundgebung vor dem Haus Hermannstraße 48. „Verdrängung, Aufwertung und Immobilien-Spekulation zerstören schon seit Jahren massiv die Nachbarschaft. Jetzt haben wir erfahren, dass auch unser Haus an eine Investmentfirma verkauft wurde. Mit Blick auf die Entwicklung im Schillerkiez – und in ganz Berlin – wissen wir sehr genau: Das kann nichts Gutes heißen!“, riefen die über 140 Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Gewerbetreibenden des Gebäudekomplexes zur Kundgebung auf. Einige Hundert Menschen sowie Mietergemeinschaften aus der Donaustraße 5 und der Anzengruberstraße 24, deren Häuser ebenfalls in Milieuschutzgebieten gerade verkauft wurden, folgten dem Aufruf.

Vor 20 Jahren waren Neukölln und die Häuser im Norden des Bezirks unattraktiv: Vermieterinnen und Vermieter konnten froh sein, wenn sie Mieter für ihre Wohn- und Gewerberäume fanden. Inzwischen ist der Ortsteil ein Hauptschauplatz für den Ausverkauf der Stadt geworden: Die Quadratmeterpreise neuvermieteter Wohnungen stiegen zwischen 2007 und 2018 um 146 Prozent. Eine Wohnung im Ortsteil Neukölln ist inzwischen in etwa ebenso teuer wie im noblen Dahlem. Trotz Mietendeckel fänden Spekulanten Mittel und Wege, um aus den teuer in Neukölln erworbenen Immobilien durch Luxussanierungen und Umwandlung der Miet- in Eigentumswohnungen weiter hohe Profite zu ziehen, fürchtet die Mieterinitiative der Hermannstraße 48. „Unsere Pläne von langfristig sozialem Wohnen wären damit passé“ ahnen sie und hoffen, dass der Bezirk sein Vorkaufsrecht im Milieuschutzgebiet ausüben kann, um die Immobilienspekulation abzuwenden. Der von den Mietern bereits 2018 gegründete Verein Hermannshöfe e. V. oder ein gemeinwohl-orientierter Dritter könnten das Haus erwerben, lautet ihr Vorschlag.

Die Bewohnerschaft des Hauses entspricht derzeit dem typischen Kiezdurchschnitt, der auf dem normalen Wohnungsmarkt nicht immer die besten Chancen hat: Dazu gehören Individuen, die Flint*- (Frauen, Lesben, inter*, nicht bi-nären und Transpersonen) und BIPoC-Gruppen (Black, Indigenious, People of Color) angehören, Personen, die behindert sind und von der Gesellschaft behindert werden, sowie Menschen, die sich eine Mieterhöhung schlichtweg nicht leisten können. Für sie alle ist die Hermannstraße 48 zugleich Zuhause und Schutzraum. Im Haus sind auch verschiedene Gewerbetreibende, darunter eine Holzwerkstatt und Therapiestätten, sowie der Projektraum H48 beheimatet. Letzterer wird als emanzipatorischer und selbstverwalteter Raum von circa 15 Gruppen genutzt. Er dient für Polittreffen, Theater- und Kino-Gruppen ebenso wie für Nachbarschaftstreffen und diverse andere Veranstaltungen.

An der Kundgebung, die mit einem Musikauftritt endete, nahmen auch die Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen sowie die Hausgemeinschaften der Donaustraße 5 und der Anzengruberstraße 24 teil. „Ich habe gedacht, ich hätte mit meiner Wohnung das große Los gezogen“, erklärte eine Mieterin aus der Anzengruberstraße in ihrer Rede. Das Wohnhaus gehörte einer Einzeleigentümerin, die selbst in dem 1907 erbauten Gebäude wohnte. „Als sie 1995 starb, vermachte die Besitzerin ihr Eigentum dem Evangelischen Johannesstift in Spandau“, berichtete die Frau weiter. Die Mieten seien bislang erschwinglich, doch verkaufte das Johannesstift kürzlich sein Haus in Neukölln, in das jahrzehntelang kaum etwas investiert worden sei, beklagte die Rednerin schließlich. Sie zweifelte an der Gemeinwohlorientierung des neuen Eigentümers und forderte Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann zur Ausübung des bezirklichen Vorkaufsrechtes auf, weil die Bewohnerinnen und Bewohner der Anzengruberstraße – ebenso wie die der Hermannstraße – langfristig auf günstige Mieten angewiesen seien.

=Christian Kölling=

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