Warten auf Hoch Bozena

Das Zusammenwirken der beiden Tiefdruckgebiete Lisa und Ahmet bescherte uns Anfang der Woche bei nasskaltem Wetter einige wenige Schneeflocken in Neukölln. Vielerorts wurde die dünne Schneedecke rasch zusammengekehrt, um lustige Schneemänner zu bauen und die trübe Stimmung aufzuhellen. Soviel Schnee wie 2010, als im Hof des Deutsch Arabischen Zentrums in der Uthmannstraße der Kiezfotograf Wilfried Winzer beobachten konnte, wie eine ganze Schneemann-Familie mit Vater, Mutter und zwei Kindern entstand, fiel diesmal aber bei weitem nicht.

Das Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin und die studentischen Mitarbeiter des Vereins Berliner Wetterkarte e. V. benennen alle Hochdruck- und Tiefdruckgebiete über Europa, die das Wetter in Deutschland beeinflussen, seit über sechs Jahrzehnten mit Vornamen. 2021 werden alle Hochs männliche und alle Tiefs weibliche Namen tragen. Im Jahr davor war es umgekehrt. Mit diesem routinemäßigen Tausch soll verhindert werden, dass ein Geschlecht sich benachteiligt fühlt, denn Tiefs bringen meist wechselhaftes und Hochs oft stabiles Wetter.

Zum Jahreswechsel erschien aber nicht nur das gemischte Tiefdruck-Doppel Lisa-Ahmet ausnahmsweise gemeinsam auf der Wetterkarte. Ahmet ist zudem das erste Druckgebiet, das keinen typisch deutschen Namen trägt. „Wir leben in einem Einwanderungsland. Trotzdem tragen die Wetterhochs und -tiefs fast immer nur Namen wie Gisela und Helmut. Zeit, dass sich das ändert“, dachten die Journalistinnen und Journalisten des postmigrantischen Netzwerks Neue deutsche Medienmacher*innen. Sie erwarben deshalb beim Verein Berliner Wetterkarte das Recht, um als Wetterpate insgesamt 14 meteorologischen Druckgebieten einen Namen zugeben. Fest steht damit bereits, dass die kommenden Tiefdruckgebiete Bartosz, Cemal, Dimitrios und Erhan heißen werden – auch wenn noch niemand sagen kann, wann sie entstehen und wie lange sie dauern werden.

Mittwochnachmittag rechneten die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach mit einer Fortsetzung des tristen Wetters ohne nennenswerten Neuschnee. Für das Wochenende prognostizierten sie einen sich verstärkenden Hochdruckeinfluss. Das erste Hochdruckgebiet über Europa wird den friesischen Namen Antje tragen. Es folgen mit slawischem bzw. türkischem Ursprung die Vornamen Bozena (gespr. Boschena), Chana und Dragica (gespr. Dragiza). Erfahrungsgemäß entstehen jährlich etwa 50 bis 60 Hochs und 130 und 150 Tiefs.

2021 bringt aber nicht nur mehr Vielfalt in die Wetterkarte. Im dritten Jahrzehnt beginnt außerdem eine neue Klima-Zeitrechnung. Die bislang international gültige Referenzperiode 1961 bis 1990, die beispielsweise für den Vergleich von Monats- oder Jahresmitteln herangezogen wird, wird von der neuen Referenzperiode 1991 bis 2020 abgelöst. Meteorologen erwarten, dass gerade die Erwärmung der letzten Jahre dann in einem anderen Licht erscheinen wird.

=Christian Kölling=

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