Neukölln zwischen Armutsbeauftragtem und Zirkus-Schule: Auch ohne Corona wäre 2020 ein aufregendes Jahr gewesen

„Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“, urteilte Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn der Corona-Krise und spätestens mit dieser Fernsehansprache im März wurde klar, was das beherrschende Thema aller Rückblicke auf das Jahr 2020 sein würde. Auch die Berichterstattung im Facetten-Magazin Neukölln ist eigentlich fast täglich – direkt oder zumindest indirekt – von der „neuen Normalität“ und ihren Maßnahmen zum Schutz vor SARS-CoV-2-Infektionen beherrscht worden.

Persönliche bedauere ich sehr, dass das internationale Jugendfußballturnier „Tournament of Peace“ abgesagt werden musste: Am 8. Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und die Befreiung vom Nationalsozialismus zum 75. Mal. Anlässlich dieses Gedenktags sollte in Neukölln ein zweitägiges Freundschafts-Jugendfußballturnier der Altersklassen U14/15 stattfinden. Eingeladen waren alle nationalen und internationalen Partnerstädte des Bezirkes sowie Vertreter aus Polen, Weißrussland und Dänemark. Rund 300 Gäste wurden erwartet.

„Was in den letzten Kriegstagen genau geschah, ist bis heute nur bruchstückhaft rekonstruiert. Es fehlt noch eine detaillierte Aufarbeitung der Endtage des 2. Weltkriegs in Neukölln“, erklärte mir Dr. Udo Gößwald, Leiter des Museums Neukölln, im Mai zur Wiedereröffnung der Ausstellung „Neuköllner Kriegskinder“, die mit dem ersten März-Lockdown geschlossen worden war. Über 100 Gäste fanden sich später im August auf dem Gutshof Britz ein, um bei der Eröffnung der Ausstellung „Großstadt Neukölln. 1920 – 2020“ dabei zu sein. „Es ist schon faszinierend, den Wandel des Neuköllner Stadtbildes in den Fotografien zu verfolgen. Ein wirklich gelungener und origineller Beitrag zum Jubiläum von Groß-Berlin“, kommentierte Kulturstadträtin Karin Korte zur Eröffnung. Bezirksbürgermeister Martin Hikel empfahl ausdrücklich den Katalog zur Ausstellung, in dem u. a. Auszüge aus einem Aufsatz der Pariser Bürgermeisterin Anne Hildago sowie ein Text der Stadtplanerin Cordelia Polinna mit dem Titel „Strategien für Neukölln 2050 enthalten sind.

Eher geschichtsvergessen handelten dagegen einige Hundert, die Ende August die Treppe des Reichstagsgebäudes stürmten. Drei Polizisten vom Neuköllner Polizeiabschnitt 54 an der Wildenbruchstraße/Sonnenallee stellten sich mit wenigen anderen Kollegen zunächst den Demonstranten entgegen, bis Verstärkung eintraf. Zum Dank für diesen Einsatz empfing sie Bundespräsident Walter Steinmeier anschließend im Schloss Bellevue. „Reichsflaggen, sogar Reichskriegsflaggen darunter, auf den Stufen des frei gewählten deutschen Parlaments, im Herz unserer Demokratie – das ist nicht nur verabscheuungswürdig, sondern angesichts der Geschichte dieses Ortes geradezu unerträglich“, erklärte Steinmeier in seiner Ansprache. „Wer sich über die Corona-Maßnahmen ärgert oder ihre Notwendigkeit anzweifelt, kann und darf dagegen demonstrieren. Mein Verständnis endet aber dort, wo Demonstranten sich vor den Karren von Demokratiefeinden und politischen Hetzern spannen lassen“, fügte er hinzu.

Zur Erinnerung an die Polizeibeamten Roland Krüger und Uwe Lieschied wurden im Februar zwei Straßenabschnitte im Neuköllner Rollbergviertel bei einer feierlichen Veranstaltung umbenannt. Die beiden Polizisten waren 2003 und 2006 nach Einsätzen durch Schussverletzungen ums Leben gekommen. „Gewalt muss geächtet und verurteilt werden. Die Straßenumbenennung ist ein starkes Zeichen der Solidarität und der Anerkennung des Bezirkes Neukölln. Sie drückt aus, dass wir solidarisch hinter denen stehen, die uns beschützen. Roland Krüger und Uwe Lieschied sind Teil unserer Stadt und werden es auch immer bleiben“, sagte Innensenator Andreas Geisel zur Feierstunde, an der rund 200 Gäste – Polizisten, Lokalpolitiker sowie Angehörige und Freunde der Getöteten – teilnahmen.

Für Aufmerksamkeit weit hinaus über die Grenzen Berlins sorgte schließlich Ende November die Umbenennung der Neuköllner Wissmannstraße in Lucy-Lameck-Straße. „Eine deutsche Straße wird nach einer tansanischen Frau benannt“, meldete der Auslandsdienst der BBC und fand damit ein großes Medienecho in vielen afrikanischen Staaten. „Lucy Lameck gilt als Vorbild, das fast ihr ganzes Leben lang daran gearbeitet hat, das Leben von Frauen in Tansania zu verbessern“, schrieb The Citizen aus Tansania. Ghanaweb erinnerte daran, dass die „Heldin der Unabhängigkeit“ selbst aktiv gegen Kolonialismus und Rassismus eintrat. Die Debatte über die Schrecken der Kolonialherrschaft wurde lange Zeit in Deutschland nicht geführt. Für die Errichtung eines dekolonialen Denkzeichens vor dem Berlin Global Village bewilligte aber kürzlich der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages 750.000 Euro. Jetzt muss das Eine-Welt-Zentrum im Rollbergviertel einen Betrag in gleicher Höhe einwerben, damit das Mahnmal gebaut werden kann.

„Rund 50 schwerststraffällige Jugendliche im Bezirk, offener Drogenkonsum auch auf U-Bahnhöfen, wo Heroin geraucht und gespritzt wird. Beschaffungskriminalität sowie die Angst vieler Bürgerinnen und Bürger vor Einbrüchen und Diebstählen: Am Görli brauche ich schon mal eine eiserne Hand. Wir müssen an kriminalitätsbelasteten Orten die Videoüberwachung ausdehnen.“ Jugend- und Gesundheitsstadtrat Falko Liecke spricht regelmäßig auch unbequeme Reizthemen an. „Kriminalitätsschwerpunkt Neukölln?“ war deshalb folgerichtig ein Stadtteilgespräch überschrieben, zu dem die Konrad Adenauer Stiftung Ende Januar u. a. Neuköllns dienstältesten Bezirksstadtrat zu einer kontroversen Diskussion in das Centro Park Hotel Neukölln eingeladen hatte. Weil Liecke sich auch nach dem Beginn der Coronakrise nicht ausschließlich auf die Pandemiebekämpfung konzentrieren wollte, sondern weiterhin Clan-Kriminalität, islamistischen Fundamentalismus und Integrationsverweigerung thematisierte, wurde er von politischen Opponenten teils heftig kritisiert. Bundesweites Negativbeispiel für misslungene Pandemiebekämpfung ist Neukölln bislang glücklicherweise dennoch nicht geworden – obwohl der Bezirk im Oktober kurzzeitig als neuer Corona-Hotspot in den Medien allgegenwärtig war. Hoffen wir, dass eine große Katastrophe abgewendet werden kann, auch wenn die Berliner Krankenhäuser bereits am Limit arbeiten.

Die höchsten Mietsteigerungen, die meisten Arbeitslosen und Hartz-4-Beziehenden, die wenigsten Ausbildungsplätze: Neukölln trägt seit rund zwei Jahrzehnten trotzig die rote Laterne voran und ist – trotz oder vielleicht gerade wegen der sogenannten Agenda-2010-Reformen – trauriger Spitzenreiter zahlreicher Negativ-Rankings. „Die Vielfalt der Gesellschaft spiegelt sich noch nicht in der Verwaltung“, bemängelte Katarina Niewiedzial, Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration, erst im Herbst auf einer Informationsveranstaltung im Rathaus Neukölln. Immerhin ist inzwischen Güner Balcı, Sozialarbeiterin, Journalistin und Buchautorin, Neuköllns erste Integrationsbeauftragte mit Migrationshintergrund, seitdem die Stelle 2002 eingerichtet wurde. In anderen Kommunen der alten Bundesrepublik wurden vergleichbare Stellen zur Eingliederung der damals sogenannten Gastarbeiter allerdings bereits in den 1980er Jahren eingerichtet. Ich bin gespannt, wie Güner Balcı das Neuköllner Konzept „Integration durch Normalität – Für ein gutes Zusammenleben in der interkulturellen Großstadt“ im kommenden Jahr in der Praxis anwenden wird.

Für rund 60 Beschäftigte der Galeria Karstadt Kaufhof in den Gropius Passagen endete das Jahr mit einer Hiobsbotschaft: Ihre Filiale wurde zum 31. Oktober geschlossen. „Die Kolleginnen und Kollegen können entscheiden, ob sie für sechs Monate in eine Transfergesellschaft wechseln. Dort sollen sie qualifiziert und bei der Arbeitsplatzsuche unterstützt werden. Wer nicht in die Transfergesellschaft wechselt, bekommt seine Kündigung“, teilte mir der Verdi-Bezirk Berlin, Fachbereich Einzelhandel mit. Unterdessen plant die Signa-Gruppe das Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz abzureißen und im Art-Déco-Stil der 1920er-Jahre über sieben Etagen, mit leuchtenden Türmen und einer imposanten Fassade wieder aufzubauen – so wie es einst 1929 als größtes Kaufhaus Europas eröffnet wurde. „Wir haben alle den Traum, in einem tollen und attraktiven Haus zu arbeiten. Aber viele von uns fragen sich, finden wir uns nachher in relevanter Größe in diesem Gebäude wieder? So ein Bau löst Ängste aus“, beschrieb Ulrich Wiegard, Vorsitzender des Betriebsrats bei Karstadt am Hermannplatz, die Sorgen und Hoffnungen der Beschäftigten auf einer Podiumsveranstaltung. Die Entwicklung des Hermannplatzes wird uns 2021 bestimmt beschäftigen, denn bis zum September soll ein zweiter „Letter of Intent“ von allen Beteiligten unterzeichnet werden.

Ganz besonders hart sind in Neukölln die Kunst- und Kultur-Szene sowie die oft prekär Beschäftigten der Kreativwirtschaft von den Einschränkungen der Coronakrise betroffen. „Solange es keinen Impfstoff gegen das Corona-Virus und keine Medikamente gegen die Covid-Erkrankung gibt, ist nur schwer vorzustellen, dass sich viele Menschen lustvoll zu einem unterhaltsamen Opernabend zusammenfinden“, ahnte Andreas Altenhof, Marketing-Chef der Neuköllner Oper, im April und drückte eine allgemeine Befürchtung der Unterhaltungsbranche aus.

„Das Richtfest des Deutschen Chorzentrums ist ein Fest der Hoffnung für die Chormusik, welche momentan eine sehr schwere Zeit erlebt. In unmittelbarer Nähe zum Heimathafen Neukölln und zur Neuköllner Oper entsteht nun mit dem Chorzentrum ein weiteres, kulturelles Highlight für Berlin, ein großer Gewinn für den Kiez und seine Menschen“, blickte der Regierende Bürgermeister Michael Müller trotzdem bereits im Sommer an der Karl-Marx-Straße optimistisch in die Zukunft. „Gerade die aktuelle Situation verdeutlicht, wie wichtig Chöre für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind“, unterstrich Christian Wulff, Bundespräsident a. D. und Präsident des Deutschen Chorverbands, bevor symbolisch der letzte Nagel in den Dachstuhl des Gebäudes geschlagen wurde.

Zum Jahreswechsel wird mit dem Beginn der Corona-Impfungen das Licht am Ende des Tunnels heller. Armut, strukturelle Benachteiligung, schwierige Lebenssituationen sowie mangelnde Ausbildung und geringe Bildung werden jedoch die Rückkehr zur Normalität auch nach dem langersehnten Ende der Pandemie erheblich erschweren. Andererseits haben ehrenamtliche, politisch motivierte oder rein karitative, professionelle oder semiprofessionelle Hilfe und Selbsthilfe in Neukölln eine lange Tradition und können einiges bewirken. Mieterinnen und Mieter setzen sich für bezahlbare Mieten ein und kämpfen gegen ihre Verdrängung. Radfahrende fordern sichere Wege auf Pop-Up-Bikelanes wie etwa für die Hermannstraße. Nachbarschaftshilfen entstehen aus unterschiedlichsten Gründen. Mentorenprojekte unterstützen den Schulerfolg benachteiligter Kindern. Bürgerinnen und Bürger kümmern sich im Winter um Obdachlose, die auf der Straße leben. Initiativen helfen Wohnungslosen, Opfern häuslicher Gewalt und vielen anderen Menschen in Not oder kümmern sich um allgemeine Belange wie Natur- und Umweltschutz.

„Wer in Berlin kauft, darf die Rechnung nicht ohne die Mieterinnen und Mieter machen. Das hat die Stadt erneut gezeigt“, konnte Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann feststellen, nachdem das skandinavische Immobilienunternehmen Heimstaden im November eine umfassende Abwendungsvereinbarung unterschrieb, die u. a. für die Dauer von 20 Jahren den Verzicht auf die Umwandlung der Mietwohnungen in Eigentumswohnungen beinhaltet. Ohne eine aktive und engagierte Mieterschaft wäre dieses Verhandlungsergebnis nicht möglich gewesen.

Ähnliche Beispiele für bürgerschaftliches Engagement im weitesten Sinn des Wortes gibt es in vielen anderen Fällen. Die Zirkus-Schule des Circus Mondeo kooperiert beispielsweise weiterhin mit Schulen, sodass Schülerinnen und Schüler auch in Coronazeiten etwas Abwechslung in ihrem Alltag erleben können. Das Engagement in vielen anderen Bereichen ist ebenfalls groß, obwohl in diesem Jahr auf die feierliche Verleihung der Neuköllner Ehrennadeln im Schloss Britz aus bekannten Gründen verzichtet wurde. Mit erheblichen finanziellen Einbußen müssen viele Vereine und Initiativen jetzt allerdings rechnen, weil der seit 1974 bestehende Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkt erstmals in seiner Geschichte abgesagt wurde.

Ein besonderes Zeichen setzte der Kirchenkreis Neukölln in diesem Jahr, indem er einen hauptamtlichen Armutsbeauftragten benannte. „Besetzt wird die Stelle mit Thomas de Vachroi“, teilte der Kirchenkreis mit. „Armut ist hier in Neukölln ein großes Thema. Gerade in der Coronazeit ist es wichtig, dazu als Kirche deutlich und profiliert die Stimme zu erheben. Der Armutsbeauftragte soll in den Bezirk und in unsere Kirchengemeinden hinein wirken: beratend, ermutigend und mahnend“, begründete Superintendent Dr. Christian Nottmeier die Stelleneinrichtung im Dezember.

Allen Leserinnen und Lesern wünschen wir ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr!

=Christian Kölling=

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