Vor dem Berlin Global Village soll ein dekoloniales Denkzeichen für 1,5 Millionen Euro entstehen

„Die Debatte über die Schrecken des deutschen Kolonialerbes muss raus aus den Hörsälen und Feuilletons und rein in unseren Alltag.“ Helge Lindh ist Berichterstatter für Kolonialismus der SPD-Bundestagsfraktion. Erst Mitte November forderte er während einer einstündigen Aussprache im Deutschen Bundestag, die teils hitzig verlief, eine gründliche Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands. Zusammen mit seinem Neuköllner Fraktionskollegen Dr. Fritz Felgentreu sowie mit Unterstützung des haushaltspolitischen Sprechers der SPD-Bundestagsfraktion, Dennis Rohde, setzt er sich für die Errichtung eines dekolonialen Denkzeichens ein. Auf der Suche nach einem geeigneten Standort besuchten Lindh und Felgentreu im Juni die Baustelle des Berlin Global Village (BGV). Ende Februar war hier das Richtfest für einen Erweiterungsbau gefeiert worden, der später einmal weit über 30 entwicklungspolitische Organisationen beheimaten soll.

750.000 Euro bewilligte nun kürzlich der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, damit das Eine-Welt-Zentrum im Rollberg-Viertel ein dekolonialen Denkzeichens errichten kann. Einen Tag zuvor hatte am 25. November die Bezirksverordnetenversammlung von Neukölln mehrheitlich die Umbenennung der Wissmannstraße in Lucy-Lameck-Straße beschlossen. „Die Arbeit des Eine-Welt-Zentrums in Berlin ist von nationaler Bedeutung. Es ist daher folgerichtig, dass sich auch der Bund in Neukölln dafür engagiert, dass das Berlin Global Village ein Leuchtturm für die Befassung mit dem deutschen Kolonialismus wird“, begrüßte Felgentreu die Entscheidung des Haushaltsausschusses.

Das Projekt für die Errichtung des dekolonialen Denkzeichens hat einen Gesamt-Finanzierungsbedarf von 1,5 Millionen Euro. Berlin Global Village muss demnach Mittel in gleicher Höhe wie der Bund beisteuern. Der vorgesehene Ort des Denkzeichens soll ganztägig öffentlich zugänglich und gut sichtbar sein. Armin Massing, Geschäftsführer des BGV, erklärte mir in der vergangenen Woche: „Zur konzeptionellen Erarbeitung des dekolonialen Denkzeichens werden wir – nachdem die Kofinanzierung gesichert ist – im Juli 2021 weltweit einen offenen Kunstwettbewerb ausloben. Daran können Künstlerinnen und Künstler teilnehmen, die in anerkannten Künstlerverbänden – wie beispielsweise im Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler – organisiert sind.“

Zudem werde ein Trägerkreis für das Denkzeichen gebildet, dem die wichtigen dekolonialen Akteure aus der Berliner Zivilgesellschaft angehören sollen. Aus allen Einsendungen werde eine Vorauswahl der 20 besten Entwürfe getroffen. Anschließend könne im März 2022 der Siegerentwurf gekürt werden. Die feierliche Eröffnung des Denkzeichens sei im Herbst des übernächsten Jahres vorgesehen, so Massing.

Unterdessen machen die Arbeiten am Neubau des Global Village, den im Spätsommer zur Black Berlin Biennale ein großes Transparent schmückte, gute Fortschritte. „In zweieinhalb Monaten wird der Neubau mit 37 Vereinen belegt sein“, sagte mir Massing am Telefon. Die feierliche Eröffnung des Hauses werde voraussichtlich im Juni 2021 bei einem Fest unter freiem Himmel nachgeholt.

=Christian Kölling=

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