Großes Medienecho in Afrika für die Umbenennung der Wissmannstraße, kleinteilige Kritik in Neukölln

„Eine deutsche Straße wird nach einer tansanischen Frau benannt.“ Diese Nachricht machte – ausgehend von einer Meldung des Auslandsdienstes der BBC in Suaheli – in der vergangenen Woche in Afrika die Runde. Auslöser des breiten Medienechos: Die Bezirksverordetenversammlung Neukölln hatte am 25. November beschlossen, dass die Wissmannstraße in Lucy-Lameck-Straße umbenannt wird. „Wir sind uns sicher, dass die Resonanz höchstens halb so groß gewesen wäre, wenn allein der Name Wissmann verschwunden und keine tansanische Unabhängigkeitskämpferin gewählt worden wäre“, teilten jetzt Mnyaka Sururu Mboro und Christian Kopp von der Initiative Berlin Postkolonial mit. Ihrem Schreiben fügten sie eine Liste hinzu, die weit mehr als ein Dutzend Links zu Internetportalen, Rundfunkstationen und Zeitungen in Tansania, aber auch in Ghana, Kenia und Kamerun enthält, die über die Umbenennung anerkennend berichteten.

„Lucy Lameck gilt als Vorbild, das fast ihr ganzes Leben lang daran gearbeitet hat, das Leben von Frauen in Tansania zu verbessern“, schrieb beispielsweise The Citizen aus Tansania über die Politikerin und Ministerin in einem ausführlichen Lebenslauf, der die Meldung aus Berlin-Neukölln ergänzte. Ghanaweb erinnerte daran, dass die „Heldin der Unabhängigkeit“ selbst aktiv gegen Kolonialismus und Rassismus war: „Sie absolvierte zwar eine Ausbildung zur Krankenschwester und machte 1950 ihren Abschluss. Sie weigerte sich aber im kolonialen Medizinsystem der Briten zu arbeiten. Stattdessen machte Lameck eine Ausbildung als Sekretärin.“

„Tansanias Botschafter in Berlin, Dr. Abdallah Possi, hat die Bundesregierung im Februar dieses Jahres zu ‚Verhandlungen über Wiedergutmachung‘ für die Verbrechen während der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika aufgerufen“, schrieben Mboro und Kopp im vergangenen Sommer in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung taz und erklärten: „Der Berliner Bezirk Neukölln hat nun die Möglichkeit, zu beweisen, ob er es ernst meint mit seinem Vorsatz, die eigene Kolonialgeschichte kritisch aufzuarbeiten und sich durch die Ehrung verdienter tansanischer Frauen zumindest symbolisch an dieser Wiedergutmachung zu beteiligen.“ Das Bezirksamt folgte am 1. Dezember dem Beschluss der BVV, so dass jetzt der verwaltungsrechtlichen Umbenennungsprozess einleitet worden ist, der voraussichtlich im Frühsommer 2021 endgültig abgeschlossen wird.

Ganz im Gegensatz zu Mboro und Kopp kritisiert der FDP-Verordnete Roland Leppek allerdings das Verfahren der Umbenennung auch jetzt noch vehemnt. „Ich habe eine Kleine Anfrage eingereicht, in der ich nochmal nach den wissenschaftlichen Expertisen gefragt habe, die herangezogen worden sind“, schrieb er mir gestern in einer Mail. „Lupenreine Demokratin dürfte Lameck nicht gewesen sein“, spekulierte er bei Facebook in einem Kommentar zu einem Posting, das Bezirksbürgermeister Martin Hikel am 1. Dezember verfasst hat. Am Ende des Kommentars wird auf einen Wikipedia-Eintrag zum Stichwort „Ujamaa“ verwiesen. Der Name der Politikerin Lucy Lameck erscheint im genannten Wikipedia-Eintrag allerdings nicht ein einziges Mal! Vage formulierte Kritik an der Ujamaa-Politik von Julius Nyerere wird mit einem Hinweis auf „Der Spiegel. 16, 2007, S. 120″ belegt. Hinter der Anmerkung steht ein Artikel über Politik und Wirtschaft in Afrika, den Thilo Thielke und Erich Wiedemann unter dem Titel „Der afrikanische Fluch. 350 Jahre nach ihrer Landung am Kap sollen weiße Farmer für das Elend des Kontinents büßen“ im Spiegel vom 16. April 2007 veröffentlichten.

Die wissenschaftliche Prüfung der drei Namensvorschläge, die eine Jury aus mehr als 400 eingegangen Einsendungen auswählte, nahm Prof. Dr. Andreas Eckert, .Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität Berlin vor.

Das gesamte Dialogverfahren ging auf einen Beschluss der BVV Neukölln (Drucksache 0089/XX) zurück, der im März 2018 in geheimer Abstimmung mit 25 Ja-Stimmen gegen 23 Nein-Stimmen gefasst wurde. Eckert ist u.a. Autor des Buches „Herrschen und Verwalten. Afrikanische Bürokraten, staatliche Ordnung und Politik in Tanzania, 1920-1970“. Zum Inhalt des Gutachtens versicherte mir Bärbel Ruben, Sprecherin von Bezirksstadträtin Karin Korte, am Freitag: „Alle drei Persönlichkeiten wurden in dem Gutachten für würdig befunden, dass nach ihnen eine Straße benannt wird.“

=Christian Kölling=

Eine Antwort

  1. Es wird immer von 400 Einsendungen geschrieben. Wieviele und welche Namen wurden denn mit Lebenslauf tatsächlich vorgeschlagen? Gib es da nicht auch eine gewisse Informationspflicht?

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