Eine Kulturgeschichte des Berliner Witzes

„Der Witz hatte in Berlin schon immer Konjunktur, obwohl er oft totgesagt wurde.“ Davon ist Roswitha Schieb fest überzeugt. In ihrem neuesten Buch „Der Berliner Witz. Eine Kulturgeschichte“, das in dem auf Berlin-Themen spezialisierten Elsengold Verlag erschienen ist, beweist die promovierte Kunst- und Literaturwissenschaftlerin auf 240 Seiten ihre These anschaulich und kommt zu dem Fazit: „Der Berliner Witz ist verletzend. Nein, er ist schnell, scharf, intelligent, übertreibend, fantasievoll, pointiert. Der Berliner Witz ist tot. Nein, er ist unverwüstlich, ja unsterblich.“

Beginnend mit der Zeit vor 1848, als Adolf Glaßbrenner seine Notizen machte, werden die Epochen des Berliner Witzes in sieben Kapiteln bis zur Gegenwart, die Kabarettisten wie Ilka Bessin als „Cindy aus Marzahn“, Idil Baydar, Murat Topal und Kurt Krömer prägen, umfassend dargestellt. In jedem Kapitel gibt es zahlreiche rotmarkierte Textbeispiele: Beklagt sich im alten Berlin eine nörgelnde Dame auf dem Markt: „Nein, diesen Hasen möchte ich auch nicht, aber nein. Der hat zuviel Schrotkörner.“ Entgegnet ihr die Marktfrau: „Na, denn nehmse den. Der hat sich die Pulsadern uffjeschnitten!“. Viele Textpassagen sind mit insgesamt 80 Zeichnungen, Fotos und anderen Abbildungen illustriert. Zudem hat die Autorin, die im Oktober 2019 ebenfalls im Elsengold Verlag das Buch „Berliner Literaturgeschichte“ veröffentlichte, ein fünf Seiten starkes Literaturverzeichnis angefügt.

Einen ersten Tiefpunkt des Berliner Witzes macht Schieb um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus. Doch die nach Berlin gezogenen jüdischen Schlesier David Kalisch und Ernst Dohm bereichern mit ihrem Satire-Magazin „Kladderadatsch“ das kulturelle Leben. Auch später bleibt der Zuzug für die Entwicklung des Berliner Humors unverzichtbar. Ab 1875 entwickelte sich Berlin zur Großstadt und nur noch knapp 43 Prozent der Einwohner waren in der Stadt geboren. Berliner Originale wie Heinrich Zille oder Claire Waldoff kamen damals aus Sachsen und Gelsenkirchen.

Überhaupt ist die Aufnahme äußerer Einflüsse – beispielsweise aus dem Französischen und dem Hebräischen – für den Berliner Wortwitz typisch, wie Roswitha Schieb mit Beispielen aus den letzten 200 Jahren belegt. Die Berliner Stadtreinigung nahm dieses Stilmittel in der Gegenwart mit ihrem Slogan „We kehr for you“ erfolgreich auf. Sie gründete sogar ihre gesamte Werbekampagne auf dem identitätsstiftenden Humor der Großstadt. Auch Friseursalons haben die Volkspoesie für sich entdeckt und geben ihren Geschäften so fantasievolle Name wie Schnittstelle, Haarlekin, ChicSaal, Glückssträhne oder die Hairmsdorfer …

Das Buch „Der Berliner Witz. Eine Kulturgeschichte“ kostet 25 Euro und ist im örtlichen Buchhandel erhältlich. (ISBN 978-3- 96201-051-5)

=Christian Kölling=