„Einige begleiten den Erlebnis-Circus-Mondeo von der Grundschule bis zum Praktikum an der Fachhochschule“

Klein und unscheinbar steht ein weißer Container mit großen Fenstern auf dem weitläufigen Gelände des Zirkus Mondeo an der Gutschmidtstraße in Britz. Mit öffentlichen und privaten Mitteln haben Zirkusdirektor Gerhard Richter und seine Artistenfamilie hier vor fünf Jahren die Erlebnis-Circus-Schule aufgebaut. Neuköllner Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf – oft Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung aus Willkommensklassen – können hier Zirkusluft schnuppern und werden „ganz nebenbei“ für einen Zeitraum zwischen drei und sechs Monaten unterrichtet.

„Das außerschulische Umfeld motiviert allgemein zu selbstständigem Lernen und eigenverantwortlichem Handeln. Die Schülerinnen und Schüler können nach jeder Unterrichtseinheit mit den Zirkustrainern verschiedene Disziplinen üben oder sich auf dem Gelände um die Tiere kümmern“, erklärte mir Gerhard Richter, als ich die Schule der besonderen Art vor dem Beginn der Herbstferien besuchen konnte. „Die Lernbereitschaft und die Motivation am Unterricht teilzunehmen erhöhen sich enorm. Zudem werden das Sozialverhalten und das Selbstvertrauen der Kinder und Jugendlichen gestärkt“, sagte Richter.

Sein Großvater hat den Circus Mondeo gegründet und sein Vater führte ihn fort. „Wir sind viel gereist, und ich habe deshalb über 400 Schulen in ganz Deutschland besucht“, verriet mir der Zirkusdirektor im Verlauf des Gespräches: „Meine Frau gehört sogar zur achten Generation einer Zirkusfamilie. Unsere Söhne, Töchter und Enkelkinder sind also die neunte und zehnte Zirkusgeneration.“

Kinder und Jugendliche, die die Erlebnis-Circus-Schule verlassen, haben am Ende eine kleine Aufführung mit Bodenakrobatik und Jonglage einstudiert, die sie bei Auftritten in Seniorenheimen oder vor Gleichaltrigen in Schulen vorführen können. „Ich arbeite gerne mit den sogenannten ‚wilden Kindern‘ zusammen, denn die sind oft sportlich, mutig und geschickt“, erläuterte Richter weiter. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat die Erlebnis-Circus-Schule selbstverständlich auch ein eigenes Hygiene-Konzept. Die Zahl der Schüler hat sich um etwas mehr als die Hälfte reduziert.

Noch deutlicher eingeschränkt sind seit März die Projektwochen des Erlebnis-Circus, an denen in den letzten zwölf Jahren weit über 50.000 Grundschüler teilgenommen haben. Immerhin entflohen erst im September “acht Klassen aus der Sonnen-Grundschule bei strahlendem Spätsommerwetter dem Corona-Schul-Stress für eine herrliche Zirkus-Woche”, wie Lehrer Stefan Witte im Gästebuch anerkennend vermerkte.

Die Kinder lernen einfache, aber effektvolle Übungen, mit denen die Muskulatur , die Koordination und der Gleichgewichtssinn trainiert werden. Höhepunkt zum Abschluss der Projektwoche ist in normalen, pandemiefreien Zeiten für jedes Kind eine Aufführung vor Eltern und Gästen. „Wir haben jetzt Zeit und können in Zehlendorf im Zelt Onkel-Tom-/Sven-Heddin-Straße auftreten. Wir müssen ja etwas tun“, kommentierte der Zirkusdirektor. Die größte Genugtuung ist für ihn, dass gelegentlich aus der Projektarbeit in der Circus-Schule dauerhafte persönliche Beziehungen entstehen: „Einige begleiten den Erlebnis-Circus-Mondeo von der Grundschule bis zum Praktikum an der Fachhochschule“, berichtete Richter lächelnd am Ende des Gesprächs.

=Christian Kölling=

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