„Gazino Berlin“: Hommage an eine Mittlerin zwischen den Kulturen

„Als ich Emine Sevgi Özdamars Romane gelesen habe, war ich sofort verliebt. Ich habe in ihrer Trilogie ‚Sonne auf halbem Weg‘ ganz viele Parallelen zu mir und meinem Leben entdeckt. Meine Eltern kommen aus der Türkei und haben sich in Deutschland kennengelernt. Ich bin in Nürnberg geboren.“ Die Regisseurin Gökşen Güntel, die ich vor gut zwei Wochen mit ihrem Ensemble bei den Proben für das Stück „Gazino Berlin“ beobachten durfte, fasste ihre Leseerfahrung in einem Satz zusammen: „Die großen, mutigen und oft grotesken Bilder, die Özdamar in ihren Beschreibungen entstehen lässt, hatte ich direkt schon auf der Bühne vor Augen und sie ergaben in der Gesamtheit ein starkes theatrales Bild für mich.“

Am Samstagabend hatte „Gazino Berlin“ im großen Saal des Heimathafens Neukölln Premiere. Insgesamt gelang eine Aufführung, die der Vielschichtigkeit ihrer Vorlage in nichts nachstand. Für die Inszenierung fertigte Güntel, ein Extrakt aus Özdamars 400 Seiten starken Debütroman „Das Leben ist eine Karawanserei – hat zwei Türen – aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus“ an. Um den Zeitgeist der Migrations- und Berlin-Istanbul-Trilogie nachzuempfinden, kreierten Güntel und ihr Ensemble für die Bühnenfassung zusammen mit der Rap-Diva Aziza A. und der vierköpfigen Band des musikalischen Leiters Turgay Ayaydınlı ein türkisches Gazino.

Die Handlung der Aufführung beginnt 1946 als in der Türkei ein Mehrparteiensystem einführt wurde und endet nach dem ersten Militärputsch von 1960, auf den mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung die „zweite Republik“ folgte. Gazinos waren seit der Zeit von Mustafa Kemal, des späteren Atatürk, der als Begründer der modernen Türkei in die Geschichte einging, glamouröse Nachtclubs mit Livemusik und Restaurantbetrieb. Selbst in Berlin gab es einige Gazinos. Heute ist hier – wie in der Türkei – ihr einstiger Glanz aber längst verblasst.

„Wir treten in die Fußstapfen unserer Vorfahren, erzählen die Geschichte unserer Großeltern und Eltern“, erklärten Mina Sağdiç, Gisela Aderhold, Hürdem Riethmüller, Uğur Kaya und Hasan Ali Mete dem Publikum, bevor sie in die Rollen der Hauptprotagonistin, der Großmutter, der Mutter, des Vaters und des Großvaters aus Özdamars Roman schlüpften. Rechts und links der Drehbühne gehörten das Doppelstock-Bett einer einfachen Gastarbeiterinnen-Unterkunft und eine kitschige Wohnzimmerecke mit Atatürk-Bild an der Wand zum Bühnenbild. Schauspiel und Musik wurden während der 90-minütigen Aufführung zuweilen mit Videos und Live-Aufnahmen verwoben, deren Bilder auf großen Leinwänden neben der Bühne erschienen.

Turgay Ayaydınlı und Band ließen klassische türkische Musik auf die Popmusik der 1940- bis 1960er-Jahre treffen und nahmen immer wieder Melodien der Gegenwart auf. Aziza A., die nicht nur in bunten Paillettenkleidern, sondern auch in einem schwarzen Herren-Anzug mit Pfauenfedern auftrat, erinnerte an Gazino-Stars wie Zeki Müren, der als Sänger, Dichter und Komponist in der Türkei mindestens so beliebt war, wie die internationalen Stars Humphrey Bogart, Clark Gable, Errol Flynn oder Frank Sinatra.

„In der Trilogie können sich viele Menschen wiederfinden. Die Geschichte könnte in jeder Zeit und in jedem Land spielen. Wirtschaftliche Not und alles andere, was einen zu Handlungen zwingt, das gibt es immer“, sagte mir Gökşen Güntel beim Gespräch vor der Premiere. Besonders angesprochen habe die Regisseurin – die sich selbstironisch und mit dicken Anführungszeichen „Gastarbeiterkind“ nennt – wie die Autorin ihr türkisch geprägtes Denken und Fühlen in deutscher Sprache ausdrückt und damit einen transkulturellen Schreibstil schafft. Emine Sevgi Özdamar kam erst als junge Erwachsene aus der Türkei nach Deutschland, um zunächst in einer Fabrik zu arbeiten. 1991 wurde sie für Teile ihres Romandebüts mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Sie war damit die erste Preisträgerin, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Im Denken und Fühlen von ihrer türkischen Herkunft entscheidend geprägt, entwarf Özdamar in deutscher Sprache einen schillernden Roman, der beständig zwischen Traum und Wirklichkeit wechselt. Ihr Stil ist archaisch und modern zugleich: „Erst habe ich die Soldaten gesehen, ich stand da im Bauch meiner Mutter zwischen den Eisstangen, ich wollte mich festhalten und fasste an das Eis und rutschte und landete auf demselben Platz, klopfte an die Wand, keiner hörte“, legte Özdamar ihrer Romanheldin gleich zu Beginn in den Mund. „Ich fiel in Ohnmacht und bin erst an einem Augusttag wach geworden und habe sofort geweint. Ich wollte wieder ins Wasserzimmer rein und den Film mit dem Soldaten weitersehen, der Film war zerrissen, wohin sind die Soldaten gegangen?“, lässt die Ich-Erzählerin ihre Romanszene im Mutterleib mit der Geburt des Kindes enden.

Der zweite Teil des Programms „Gazino Berlin“ hat am 9. Oktober im Heimathafen Neukölln (Karl-Marx-Str. 141) Premiere. Weitere Informationen und Ticketbestellungen: hier.
Während im ersten Teil die noch junge türkische Republik in ökonomischen Nöten und im Zwiespalt zwischen Aberglaube, Religiosität und dem Aufbruch in die Moderne gezeigt wurde, schildert Teil zwei das Leben einer Gastarbeiterin in Berlin bis zu ihrem politischen und sexuellen Erwachen.

=Christian Kölling=