„Die Vielfalt der Gesellschaft spiegelt sich noch nicht in der Verwaltung“

Jugendliche mit Migrationsgeschichte beginnen immer noch seltener eine duale Ausbildung als Jugendliche ohne familiäre oder eigene Migrationserfahrung. Dabei erhöht eine solide Berufsausbildung die Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe und ist ein gewisser Schutz vor Arbeitslosigkeit. Um die Ausbildungssituation dieser Jugendlichen zu verbessern wurde vor zwei Jahren eine neue Kampagne der Initiative „Berlin braucht dich!“ ins Leben gerufen. Sie ist sowohl an Auszubildende als auch an die Berliner Landesbetriebe gerichtet und will erreichen, dass sich die Vielfalt der Stadtgesellschaft eines Tages auch in der Stellenbesetzung der Verwaltung spiegelt. Ihr Startschuss fiel symbolträchtig im Rathaus des Einwanderungsbezirks Neukölln.

Unter dem Titel „Ausbildung in Zeiten der Pandemie: Öffentlicher Dienst als attraktiver Arbeitgeber in der Migrationsgesellschaft“ fand Donnerstagmittag jetzt am gleichen Ort eine Pressekonferenz statt. Katarina Niewiedzial, Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration, hatte dazu gemeinsam mit Vertretern des Öffentlichen Dienstes, der landeseigenen Betriebe sowie der Gewerkschaft eingeladen.

„Jedes Jahr verlassen etwa 25.000 bis 30.000 junge Menschen die Berliner Schulen. An den Sekundarschulen haben rund 45 Prozent der Schulabgänger eine eigene bzw. eine familiäre Migrationsgeschichte. Die Vielfalt in den Schulklassen spiegelt sich aber noch immer nicht in der Verwaltung“, kritisierte Niewiedzial, die augenblicklich an einer Novellierung des Partizipations- und Integrationsgesetzes arbeitet. „Ich möchte Ausbildungsplätze mit jungen Menschen mit Migrationsgeschichte besetzen – entsprechend ihrem Anteil in der Berliner Bevölkerung. Ich möchte mit allen Akteuren in der Verwaltung verbindlich vereinbaren, wie wir Ausbildung in der Verwaltung verbindlich verankern“, präzisierte die Integrationsbeauftragte ihre Vorstellungen.

„Wir wollen, dass sich die Vielfalt in Neukölln auch bei uns im Bezirksamt widerspiegelt. Positive Role Models im Bezirksamt führen zu mehr Diversity in der Ausbildung. Gleichzeitig legen wir einen Fokus auf die Veränderung von stereotypen Handlungen und Denkweisen“, beschrieb Bezirksbürgermeister Martin Hikel die Ausbildungspraxis des Bezirkes, der im Vergleich zu anderen Bezirken bereits heute einen relativ hohen Anteil von Auszubildenden mit Migrationsgeschichte hat.

Während Karl-Heinz Wanninger, Leiter der Ausbildungsbehörde bei der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, ebenso wie Judith Heepe, Pflegedirektorin der Charité-Universitätsmedizin Berlin, aus der Praxis berichteten, wie sie kontinuierlich die Ausbildungssituation verbessern, äußerte Carolin Hasenpusch vom DGB Berlin-Brandenburg die schärfste Kritik an der gegenwärtigen Ausbildungssituation.

„Berlin ist seit Jahren Schlusslicht, was die Ausbildungsplätze anbelangt“, leitete die Bezirksjugendsekretärin ihre Rede ein und erinnerte damit an eine in der Fachöffentlichkeit allgemein bekannte Tatsache, die in Neukölln sich noch einmal ganz besonders negativ bemerkbar macht. Die strukturellen Probleme auf dem Ausbildungsmarkt würden als Folge der Corona-Pandemie weiter verschärft. Potenziell ausbildungsinteressierte jungen Menschen bekämen nicht die Unterstützung bei der beruflichen Orientierung, die sie dringend benötigen. „Wir fordern daher eine Fokussierung auf Unterstützungsangebote am Übergang Schule Ausbildung – gezielt auch für jungen Menschen mit Migrationsgeschichte“, beendete Hasenpusch ihren Redebeitrag.

=Christian Kölling=