Tribut an die Schattenseiten des Erfolgs

Wer nur eines der Plakate im Schillerkiez gesehen hat, muss zu dem Schluss kommen, dass die Tage vom Selig gezählt sind. Dass auf dessen Homepage noch erfahrene Mitarbeiter für Küche, Bar und Service gesucht werden, passt allerdings so gar nicht dazu. Erst weiter unten auf der Seite erfährt man, dass Aktuelles der Facebook-Seite zu entnehmen sei. Und tatsächlich: Hier findet sich auch die Ankündigung des Events namens „Goodbye Schillerkiez“ am 26. September.

Sie wisse, dass die Gerüchteküche im Kiez nun brodelt, sagt Christine Radziwill, die Pfarrerin der Genezareth-Gemeinde, die 2004 in einem Seitentrakt der Kirche am Herrfurthplatz Platz für Gastronomie schuf. Seitdem gab es diverse Betreiber, die aus verschiedensten Gründen mehr oder weniger lange blieben – selig, im Sinne von glücklich, kann die Gemeinde darüber wahrlich nicht sein. Ändern kann sie es jedoch auch nicht. Der aktuelle Mieter, so Radziwill, habe um die vorzeitige Auflösung des 2017 für fünf Jahre vereinbarten Vertrags gebeten, ein neuer stehe aber schon fest. Spruchreif und auf Papier besiegelt sei das allerdings noch nicht: „Es ist also nicht so, dass das Selig schließt, sondern es gibt lediglich einen Pächterwechsel.“

„Unser letzter Tag mit Service ist der 25. September“, kündigt Christian Birkelbach, der scheidende Betreiber an. Er könnte seinem Nachfolger wertvolle Tipps geben – sowohl fachlich, als auch zwischenmenschlich. Rund 20 Jahre Branchenerfahrung hatte er hinter sich, als er das Selig übernahm und den Seitenwechsel vom Angestellten zum Chef vollzog. „Und jetzt bin ich von 3 1/2 Jahren Gastronomie total erschöpft, das geht in Richtung Burn-Out“, sagt Birkelbach. Corona sei nur ein Katalysator gewesen. Erst musste der Betrieb komplett eingestellt werden, dann – mit den Lockerungen nach dem Lockdown – waren plötzlich Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln gefordert. „So ein Riesenladen hat eben leider auch Schattenseiten“, weiß der Gastronom nicht erst seitdem. Die Halbwertzeit der Lebensmittel für die Zubereitung der Speisen ist endlich, und nie lässt sich vorhersagen, ob der Tag viele oder wenig Gäste bringt, was außerdem die Personalplanung verkompliziert.

Wie schwer Christian Birkelbach die Entscheidung gefallen ist, sein erfolgreich laufendes „Baby“ aufzugeben, ist ihm anzumerken: „Aber die Gesundheit geht vor.“ Seine Vorstellungen vom ersten eigenen Gastro-Betrieb machten das Selig von einem düster möblierten Café mit kommunikationsfeindlicher Akustik zu einer hellen, luftigen Location im – wie er es bei der Eröffnung nannte – L.A.-Style. Ein perfekter Gastgeber für alle „vom Neuköllner Hipster bis zu den älteren Herrschaften aus der Nachbarschaft“ wollte er sein und mit dem Mix aus Restaurant, Café, Bar und Veranstaltungsort sowie einem Biergarten auf der Terrasse eine Wohlfühloase für jede Tageszeit bieten.

Was von Birkelbachs kulinarischem und innenarchitektonischem Konzept bleibt, wird sich zeigen. Was jetzt schon feststehen dürfte: Dass der Name Selig bleibt, denn dessen Beibehaltung war bisher ein Passus in jedem Pachtvertrag. Wahrscheinlich ist zudem, dass es zumindest vorübergehend keine Gastronomie mitten auf dem Herrfurthplatz geben wird.

=Gast=