Gebrauchtes zwischen Neuem am Hermannplatz

Die Schlagzeilen rund um den Firmennamen Karstadt sind schon seit geraumer Zeit alles andere als positiv. Die Filiale am Hermannplatz macht da keine Ausnahme. Zwar steht sie nicht auf der Streichliste des Konzerns, aber dessen Pläne für das geschichtsträchtige Kaufhaus-Gebäude sorgen für reichlich Wirbel. Rundum gute Nachrichten dürften also sehr gelegen kommen, und die gibt es jetzt: Mittwoch wurde im Karstadt am Hermannplatz der erste Re-Use-Store in einem Berliner Kaufhaus eröffnet.

Die Hinweise auf den neuen Gebrauchtwaren-Shop inmitten der Abteilungen mit Neuwaren sind kaum zu übersehen. Aufsteller an den Eingängen, große Banner zwischen den Rolltreppen und entsprechende Dekorationen fordern dazu auf, ihn zu entdecken – und verfehlen ihre Wirkung nicht. Während Kundschaft auf den konventionellen Verkaufsflächen rar ist, beleben Neugierige das B-Wa(h)renhaus in der nördlichsten Ecke der 3. Etage. 660 Quadratmeter hat die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hier bis Ende Februar 2021 angemietet. So soll ihre 2017 angeschobene Re-Use-Initiative, die die Wiederverwendung von Gebrauchtwaren im Fokus hat, in der Stadtgesellschaft verankert werden und sich dauerhaft etablieren. „Wer erstmal schaut, ob das, was man neu braucht, nicht auch gebraucht zu haben ist, spart wertvolle Ressourcen und CO2 – und sicher auch ein paar Euro“, erklärte Stefan Tidow (r.), Staatssekretär für Umwelt und Klimaschutz, bei der Eröffnung. Damit dies zur neuen Einkaufsnormalität wird, brauche es Gebrauchtwarenhäuser dort, wo das Leben pulsiert.

Partnerorganisationen aus der Re-Use-Community spielen die tragende Rolle im B-Wa(h)renhaus. Sie bestücken das Sortiment, das von Bekleidung über Elektroartikel, Kommunikationstechnik, Bücher, Schallplatten und elektronische Medien bis hin zu Hausrat, Wohnaccessoires und Kleinmöbeln reicht. An vielen Artikeln hängt das Label des im August in Reinickendorf eröffneten Nochmall-Shops der BSR. Das Gros der Textilien stammt von der Stadtmission und der Kleiderstiftung. Damit bei potenziellen Kunden gar nicht erst ein Trödelmarkt-Gefühl aufkommt, wird alles zu Festpreisen verkauft. Bücher, CDs, Geschirr, Küchenartikel und Nippes gibt es ab einem Euro, Kleidung für mindestens das Doppelte.

Eine Maßnahme zum Aufstocken des Sortiments wird derzeit noch von den Betreibern konzipiert. „Es ist geplant, dass im B-Wa(h)renhaus auch gut erhaltene, hochwertige Textilspenden abgegeben werden können. Darüber, ab wann dies möglich ist, werden wir auf der Re-Use-Internetseite informieren. Außerdem können gut erhaltene Gebrauchtwaren im September noch bei Markt-Sammeltagen abgegeben werden“, sagt Dorothee Winden, die stellvertretende Pressesprecherin des Senatsabteilung.

Schon jetzt können im B-Wa(h)renhaus aber nicht nur Secondhand-Textilien gekauft werden. An einem Sondertisch präsentiert sich bis zum Jahresende das Veränderungsatelier Bis es mir vom Leibe fällt, um über einen Problemfall des Konsumverhaltens und dessen Folgen zu informieren: die Massen an Retouren beim Online-Shopping und der Umgang mit ihnen. Mit dem Projekt Become A-Ware werden Kleidungsstücke vorm Schreddern gerettet und durch kleine Reparaturen wieder tragbar gemacht oder durch kreatives Upcycling zu Unikaten.

Auf rund 4.600 Euro belaufen sich die monatlichen Mietkosten für Berlins erstes Warenhaus der Zukunft. „Je nach Finanzkraft der Partner zahlen diese nur einen Unkostenbeitrag“, unterstreicht Dorothee Winden. Und nach diesem Prinzip soll es weitergehen: „Ziel ist, mittelfristig in Berlin drei bis vier Standorte zu errichten. Die Suche ist angelaufen.“

Ergänzt wird das B-Wa(h)renhaus durch Workshops, u. a. zur Retourenrettung von Textilien, zu Reparaturnetzwerken und zur Lebensmittelrettung: Sie finden alle 14 Tage donnerstags im Re-Use-Forum in der 4. Etage des Karstadt-Hauses statt.

=Gast=

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s