Umbenennung der Wissmannstraße: Geheimnis um die Jury-Mitglieder

Mit einem denkbaren knappen Ergebnis von 25 zu 23 Stimmen forderte die Bezirksverordnetenversammlung Neukölln in geheimer Abstimmung im März 2018 das Bezirksamt auf, „im Rahmen eines Dialogprozeses mit Anwohner*innen der Wissmannstraße eine geschichtliche Aufarbeitung des Straßennamens zu initiieren. Das Ziel soll die Umbenennung der Wissmannstraße sein.“ Jetzt ist dieses Ziel einen Schritt näher gerückt: Mehr als 400 Vorschläge für die Umbenennung gingen im Anschluss an diesen BVV-Beschluss bis Ende vorletzten Monats auf einer eigens eingerichteten Webseite des Bezirksamtes Neukölln ein.

„Ich freue mich, dass der Beteiligungsprozess zur Umbenennung der Wissmannstraße auf solch ein reges Interesse stößt und viele Neuköllnerinnen und Neuköllner ihre Vorschläge eingereicht haben“, erklärte Bezirksstadträtin Karin Korte zum Abschluss der Vorschlagsphase und kündigte die Einsetzung einer Jury an. Sie solle erstmals im September zusammenkommen, um aus den über 400 Einsendungen bis zu drei Namensvorschläge auszuwählen, die im Anschluss der Öffentlichkeit vorgestellt und der Bezirksverordnetenversammlung zur endgültigen Beschlussfassung vorgelegt werden.

Wer der Jury aber angehört und nach welchen Kriterien die Personenauswahl erfolgte, ist bis heute nicht öffentlich – und an diesem Verfahren gibt es durchaus Kritik. „Warten Sie doch die Ergebnisse der Jury ab und lassen Sie uns dann darüber sprechen“, sagte mir Bezirkstadträtin Korte erst vor einigen Tagen am Rande der Einweihungsfeier für die Erweiterung des Campus Rütli. Spätestens sobald das Ergebnis der Jury bekannt sei, versprach mir Korte, soll auch der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, wie sie zusammengesetzt war.

Keine wirklich beruhigende Nachricht, denn das Verfahren wurde aus nicht nachvollziehbaren Gründen bereits während des Beteiligungsprozesses verändert. Ursprünglich hieß es auf der Webseite des Bezirksamtes zur Umbenennung der Wissmannstraße. „Die Jury besteht aus Expert*innen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft sowie einer/einem Bürgervertreter*in aus der Wissmannstraße“. Am 10. August teilte Korte in ihrer Presseerklärung mit: „Die aus sieben Personen bestehende Jury setzt sich aus zwei Historiker*innen, zwei Personen aus dem postkolonialen Umfeld und drei Anwohner*innen aus der Wissmannstraße zusammen.“ Bezüglich des Auswahlverfahrens wird nur erklärt: „Insgesamt hatten sich 21 Anwohner*innen beworben; die drei Jury-Mitglieder wurden am 5. August durch Bezirksstadträtin Korte ausgelost.“

Wer sind die Experten und Vertreter aus der Zivilgesellschaft bzw. die Historiker und Personen aus dem postkolonialen Umfeld? Warum gehören jetzt drei Anwohner aus der Wissmannstraße der Jury an, obwohl ursprünglich nur eine Bürgerin bzw. ein Bürger vorgesehen war? Fragen, die weiterhin auf eine Antwort warten.

Obwohl die Kolonialzeit des Deutschen Reiches, die 1884 mit der Kongo-Konferenz in Berlin begann und 1914 im Ersten Weltkrieg endete, nur drei Jahrzehnte dauerte, entwickelte sich Berlin am Ende des 19. Jahrhunderts – neben den Hansestädten Hamburg und Bremen mit ihren Überseehäfen – schnell zur deutschen Kolonialmetropole. „Spuren des Kolonialismus sind deshalb auch im Stadtbild Neuköllns zu finden. Rixdorf benannte bereits im November 1890 als erste Stadt in Deutschland eine Straße nach Hermann von Wissmann, der damals gerade als Auszeichnung für die Bekämpfung von Unruhen in Deutsch-Ostafrika geadelt worden war“, hielt u. a. das Mobile Museum Neukölln in einer Ausstellung fest. Andererseits wurde Wissmanns Kriegsführung bereits zu seinen Lebzeiten von anderen Kolonialoffizieren als besonders barbarisch verurteilt, wie Historiker betonen. „Mit einem Militärfeldzug massakrierte die deutsche Armee die afrikanische Bevölkerung, um deren Widerstand zu brechen“ , lautet heute ihr Befund. Eine Analyse, die in den Köpfen vieler Menschen allerdings noch nicht angekommen zu sein scheint.

=Christian Kölling=

3 Antworten

  1. „ Warum gehören jetzt drei Anwohner aus der Wissmannstraße der Jury an, obwohl ursprünglich nur eine Bürgerin bzw. ein Bürger vorgesehen war? Fragen, die weiterhin auf eine Antwort warten.“

    Warum ist das relevant?

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  2. Dazu habe ich bereits zwei Kleine Anfragen gestellt, die beide noch einer Antwort harren:

    KA/420/XX Umbenennungsjury I
    KA/421/XX Umbenennungsjury II

    https://www.berlin.de/ba-neukoelln/politik-und-verwaltung/bezirksverordnetenversammlung/online/ka040.asp

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