Heimathafen Neukölln startet im September wieder in den regulären Spielbetrieb

„Wo man nicht segeln kann, da muss man rudern. So mancher Mensch schöpft aus dieser schwierigen Zeit Produktivität und Inspiration.“ Mit viel Optimismus, aber nicht ohne den notwendigen Sinn für die Realität, begrüßte mich Inka Löwendorf in der vergangenen Woche in ihrem Büro an der geschäftigen Karl-Marx-Straße, als sie das Programm für die neue Spielsaison des Heimathafens Neukölln vorstellte. „Corona ist nicht vorüber“, sagte die Schauspielerin und Regisseurin, die Teil der künstlerischen Leitung am Heimathafen ist, und fügte schnell an: „Ich hoffe, dass unser Publikum auch unter den veränderten Bedingungen ins Theater kommt. In der neuen Spielsaison können wir ab September drei Premieren bieten. Wir möchten den Menschen auch weiterhin ermöglichen, spontan in den Heimathafen zu kommen!“

Im Studio, wo es derzeit nur noch 26 statt 70 Plätze gibt, wird eine große Plexiglaswand vor der Bühne aufgestellt, um Publikum und Schauspieler zu schützen. Im großen Saal des Heimathafens finden in dieser Saison – einschließlich Galerie – nur 149 Besucherinnen und Besucher ihren Platz, wo sonst bis zu 420 Theatergäste zusammenkommen. Die Aufführungen sind maximal 90 Minuten lang und werden in der Regel ohne Pause gezeigt. „Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten viel Solidarität erlebt. Ich möchte allen für die moralische und finanzielle Unterstützung recht herzlich danken. Wir konnten alle 24 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit weiter beschäftigen. Ich weiß aber nicht, wie das nächste Jahr wird“, erklärte Löwendorf zur aktuellen Situation des Heimathafens Neukölln weiter.

Die erste Premiere der neuen Theatersaison wird im Studio am 12. September die Produktion “Suche…” sein, die eigentlich schon am 21. März auf dem Spielplan stand. Nicole Oder geht mit Jan Brandts Tatsachen-Roman „Ein Haus auf dem Land. Eine Wohnung in der Stadt“ auf die Suche nach den goldenen 90er Jahren in Berlin. Das Stück handelt von den Anfängen und den Auswüchsen der Immobilien-Krise und den Gründen für die äußere und innere Unbehaustheit. „Berlin ist keine Heimat mehr, sondern ein Ort des Übergangs. Vielleicht gibt es selbst auf dem Land keinen Ort mehr, an den man zurückkehren kann“, lautet die Grundannahme des Stückes wie auch des Romans, der die Vorlage lieferte.

Eine szenisch-musikalische Zeitreise zwischen Bosporus und Spree in zwei Teilen, feiert am 26. September unter dem Titel „Gazino Berlin“ im großen Saal des Heimathafens ihre Premiere. Gazino heißt die türkische Form des Variete. Die Vorlage des Stückes ist der Roman „Sonne auf halbem Weg“ von Emine Sevgi Özdamar in einer Bühnenfassung von Göksen Güntel.

Entlang der Lieder vergangener Zeiten entspinnt sich die Geschichte einer ungewöhnlichen jungen Frau aus der Türkei der fünfziger Jahre bis ins heutige Berlin. Ein Lebensweg zwischen den Kulturen immer auf der Suche, immer auf halbem Weg. „Gazino Berlin“ nimmt in zwei Teilen eine andere Dekade in den Blick. In jedem Teil stehen die Lieder und Sehnsüchte der jeweiligen Zeit im Mittelpunkt. Aus den Erfahrungen der ersten Generation und der folgenden entsteht so eine große Erinnerung und Gegenwartsbefragung. Musikalisch macht die vierköpfige Band um Turgay Ayaydınlı und Aziza A. für einige Nächte das Lebensgefühl der alten glamourösen türkischen Gazinos spürbar. Bei Raki, Wein und Bier erleben wir nicht nur die größten, absurdesten, traurigsten oder komischsten Momente der letzten und heutigen Zeiten – auch die Gazino-Stars von damals kommen auf die Bühne.

Inka Löwendorf, Johanna Morsch und Britta Steffenhagen stehen unter Julia von Schackys Regie als Die Rixdorfer Perlen unter dem Titel „Keine Angst vor Nichts und Niemand“ mit einer aktuellen Aufführung wieder ab 2. Oktober auf der Bühne des Heimathafens Neukölln. Das „Feuchte Eck“ hat alle Widrigkeiten der Berliner Geschichte wie ein Fels in der Brandung überlebt, genau wie der Bierpinsel und der Rasen in der Hasenheide. Der Corona-Lockdown scheint daher nur eine weitere Episode in der Saga um die drei kampferprobten Kiez-Amazonen zu sein. Aber der Schein trügt. Marianne, Jule und Mieze wissen nur zu gut, in welcher Schublade unterm Tresen die ungeöffneten Rechnungen verschwinden. Zum ersten Mal in der Geschichte des „Feuchten Ecks“ schwebt über allem nun die unausgesprochene Frage: Was, wenn sie es diesmal nicht schaffen – und das Flaggschiff der Neuköllner Trinkkultur für immer schließen muss?

Los geht es im Heimathafen aber bereits am 1. September mit dem Stück „Fremde“, das zum Nachdenken über Flüchtlingsschicksale anregen soll und aus dem Frühjahr verlegt wurde. Im ersten Teil des Theaterabends wird eine Szenenfolge von Jaques Krämer über Morphen gezeigt, die unser Land bevölkern. Im zweiten Teil folgt eine Interpretation von Shakespeares „Die Fremden“ in der Übersetzung von Frank Günther.

Am 9. September ist schließlich der Autor Max Goldt im großen Saal des Heimathafens zu erleben, der seine Lesungen aus dem Frühjahr wieder aufnimmt. 1997 wurde ihm der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor verliehen, 1999 der Richard-Schönfeld-Preis für literarische Satire, 2008 der Kleist-Preis und der Hugo-Ball-Preis und 2016 der Göttinger Elch. Die aus Vorstellung am Vortag ist bereits ausverkauft.

=Christian Kölling=