Die Diskussion über die Zukunft von Karstadt am Hermannplatz geht weiter

„Nicht ohne Euch!“, verspricht ein meterhohes Transparent an der Fassade des Karstadt-Gebäudes. Es soll auf die Informationskampagne zur Zukunft des Traditions-Kaufhauses am Hermannplatz hinweisen, die die Signa-Gruppe des Unternehmers René Benko im Juni begann. „Unsere erklärten Ziele für das Projekt sind die nachhaltige Sicherung des Warenhausstandortes, die Sicherung der bestehenden und die Schaffung weiterer Arbeitsplätze, die Realisierung eines attraktiven Nutzungsmix sowie eine frühzeitige Beteiligung der Anwohner an den Plänen“, sagte Timo Herzberg, CEO von Signa Real Estate, anlässlich der Vorstellung des Projektes.

Das einst 72.000 Quadratmeter große Karstadt-Gebäude der Weimarer Republik, das in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs von der SS gesprengt wurde, von dem aber noch ein historisches Fragment an der Hasenheide erhalten ist, soll im Art-Deco-Stil der 1920er Jahre wieder aufgebaut werden. Karstadt und seine Untermieter – heute auf circa 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche präsent – sollen als Nahversorgungsanbieter für den Kiez „im zukunftsfähigen Umfang“ erhalten bleiben. Zusätzliche Flächen für Einzelhandel sind nicht geplant. In den Geschossen über dem Warenhaus sollen Gewerbe und Büroflächen entstehen. Darüber hinaus ist eine öffentliche Dachterrasse mit Gastronomie sowie Kunst und Kulturangeboten nach Angaben des Investors geplant. Für diese Nutzungen sind nach ersten Planungen rund 80.000 Quadratmeter vorgesehen.

Das historische Fragment mit einer Nutzfläche von 3.600 Quadratmetern soll dagegen einmal vollständig zu erschwinglichen Mieten für gemeinwohlorientierte Nutzungen angeboten werden, etwa für lokale Initiativen und Vereine. Nebenan im Altbau aus dem Jahr 1911, sollen bezahlbare Wohnungen auf 1.500 Quadratmetern in gemeinnütziger Trägerschaft entstehen. Eine Verkehrswende-Vison für das Karstadt-Gebäude und den Hermannplatz, die eine vollständige Abkehr vom Autoverkehr vorsieht und zudem sozial-inklusiv ausgerichtet ist, soll das Konzept abrunden. Thibault Chavanant, Projektleiter Karstadt am Hermannplatz, verspricht auf dem Webportal des neuen Karstadt-Projektes: „Wir wollen das geschichtsträchtige Haus mit neuem Leben füllen: Vom Warenhaus der Zukunft über die Kita bis hin zu bezahlbarem Wohnraum. Prestige ja, aber für jedermann.“

Auf vollständige Ablehnung stößt das Projekt hingegen bei der Initiative Hermannplatz, die jeden Donnerstag zwischen 16 und 18 Uhr mit einem kleinen Infotisch an den Imbiss-Buden vor dem Kaufhaus steht. Sie sammelt Unterschriften für den Erhalt des Kaufhauses im bisherigen Umfang. „Der Immobilienkonzern Signa plant, das Karstadt-Gebäude abzureißen und einen riesigen Beton-Neubau zu errichten. Das würde eine Großbaustelle und kein Kaufhaus für fünf bis zehn Jahre am Hermannplatz bedeuten. Alle Beschäftigten im Gebäude würden ihren Arbeitsplatz verlieren und im Kiez würden noch mehr Bewohner und Kleingewerbe durch Spekulation verdrängt“, warnt die Initiative im Internet. „Signa schließt 50 Filialen der Warenhauskatte Galeria Karstadt Kaufhof und baut deutschlandweit Tausende Vollzeitstellen ab. Um Umsatzrückgänge während der Corona-Krise auszugleichen soll das Kaufhausgeschäft auf Kosten der Beschäftigten geschrumpft werden“, beklagt sie weiter und kritisiert: „Teure Immobilienprojekte, wie die umstrittene Abriss-Planung am Hermannplatz, laufen laut Signa trotzdem uneingeschränkt weiter. Eine halbe Milliarde Euro soll das Bauvorhaben am Hermannplatz kosten, das Geld sollte besser in den Erhalt von allen Filialen und Arbeitsplätzen fließen.“

Im Januar wurden die Signa-Pläne im Ausschuss für Stadtentwicklung der BVV Neukölln kontrovers diskutiert, nachdem sich Florian Schmidt, der Baustadtrat des Nachbarbezirks Friedrichshain-Kreuzberg, bereits eindeutig gegen das Projekt ausgesprochen hatte. Ein Antrag der CDU-Fraktion unter der Überschrift „Neukölln unterstützt das Neubauvorhaben von Karstadt am Hermannplatz“ wurde erneut vertagt. Inzwischen hat die Fraktion der Linken in der Bezirksverordnetenversammlung einen Änderungsantrag zur Drucksache 1593/XX eingebracht. Die Diskussion über die Zukunft von Karstadt am Hermannplatz geht nach der Sommerpause also weiter – im Bezirksparlament, auf der Straße und im Internet auf dem Beteiligungsportal „Nicht ohne Euch“.

=Christian Kölling=