Protestkundgebung für den Erhalt der Karstadt-Filiale in den Gropius Passagen

„Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz, wir kämpfen um jede Filiale!“ Erika Ritter, Leiterin des Verdi-Fachbereichs Handel, ist mit dieser Parole derzeit fast täglich unterwegs, denn bei Galeria Karstadt-Kaufhof sollen allein in Berlin sechs der insgesamt elf Filialen sowie die Berliner Niederlassung von Karstadt Sport geschlossen werden – sofern nicht noch ein Wunder geschieht. Gestern Mittag rief die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zur Protestkundgebung vor den Gropius Passagen an der Johannisthaler Chaussee auf, wo die kleinste der schließungsbedrohten Galeria-Filialen in Berlin ist.

Trotz regnerischen Wetters wurde die Protestkundgebung ein großer Erfolg: Von demokratisch rechts bis links waren alle wichtigen politischen Vertreter Neuköllns gekommen, um die Beschäftigten zu unterstützen. Zuvor hatte die Bezirksverordnetenversammlung auf ihrer Sitzung am 24. Juni eine Entschließung mit 37 Ja-Stimmen, 9 Nein-Stimmen und 1 Enthaltung der 47 anwesenden Bezirksverordneten verabschiedet. Darin werden u. a. der Regierende Bürgermeister, die Wirtschaftssenatorin sowie der Bezirksbürgermeister gebeten, intensive Gespräche mit Karstadt-Kaufhof, den Interessenvertretungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie der Arbeitsagentur Süd und den Gropius Passagen zu führen, um gemeinsam ein Konzept für den Weiterbestand des Kaufhauses zu entwickeln.

Die Zukunftsaussichten der Beschäftigten seien düster, heißt es in der Entschließung, denn der Altersdurchschnitt aller Mitarbeitenden bei Karstadt-Kaufhof liegt bei 53 Jahren, die Betriebszugehörigkeit bei durchschnittlich 26 Jahren. 70 % der Beschäftigten sind Frauen, „Sie alle werden es trotz Transfergesellschaft und Sozialplan schwer haben, wieder einen Arbeitsplatz zu finden“, kritisiert die Entschließung und warnt: „Die Gropius Passagen verlieren damit einen bedeutenden Ankermieter, was sich negativ auf die Wirtschaftlichkeit des Einkaufscenters auswirken wird. Für die Bevölkerung im Süden unseres Bezirks und weit darüber hinaus geht ein wichtiger Versorgungsstandort für Waren des täglichen Bedarfs mit einem breiten Sortiment verloren.“

Verdi-Fachbereichsleiterin Ritter richtete sich an die Kundgebungsteilnehmer sowie das Center-Management der Gropius Ppassagen: „Wir brauchen das Warenhaus in dieser Stadt. Das Warenhaus hat strategische Bedeutung. Macht ortsübliche Mieten!“ Schon seit vielen Jahren beklagt Verdi, dass in den Kaufhäusern immer einseitig zu Lasten der Belegschaften der Rotstift angesetzt und wegstrichen werde, wenn es nicht läuft. Überall fehle es in den Filialen an Personal. Einige Probleme gingen noch auf Fehlentscheidungen der früheren Arcandor AG unter Konzernchef Thomas Middelhoff zurück, als Kaufhaus-Immobilien erst verkauft und dann zu ungünstigen Konditionen gemietet worden seien, um die Bilanz kurzfristig zu verbessern.

„Es kann nicht sein, dass der fünf Milliarden schwere Investor René Benko Verluste zu Lasten von Beschäftigten und Kunden durch eine Schließungsorgie zu sozialisieren versucht. Firmenverluste müssen hier mit dem Privatvermögen ausgeglichen werden. Darüber hinaus ist ein tragfähiges Geschäftskonzept für eine Weiterführung der Kaufhäuser zu erstellen“, kritisierte Marlis Fuhrmann für die BVV-Fraktion der Linken in Neukölln.

„Auch die CDU Neukölln ist an Ihrer Seite“, versicherte der Bezirksverordnete Christopher Förster den Beschäftigten. „Meine Eltern und Großeltern kaufen hier gerne ein. Sie bekommen bei Karstadt-Kaufhof von der Bratpfanne bis zur Kleidung alles. Als ich ein Kind war und es die Gropius Passagen noch nicht gab, habe ich in der Johnnisthaler Chaussee auf einer Decke meine Spielsachen verkauft“, beschrieb der Kommunalpolitiker das Kaufverhalten typischer Kaufhauskunden und erinnerte sich an seine ersten Erfahrungen mit der Marktwirtschaft, wobei er seinen Zuhörern selbst überließ, daraus eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.

„Ich war überrascht und entsetzt als ich erfuhr, dass Karstadt in den Gropius Passagen geschlossen werden soll“, sagte Bezirksbürgermeister Martin Hikel. Erst im Oktober 2018 hatte er an der Eröffnung der neuen Filiale teilgenommen, die anstelle des alten Kaufhofs als neuer Ankermieter in das Shoppingcenter eingezogen war. „Ich habe gerade mit dem Vermieter gesprochen“, fuhr Hikel fort: “Das Center-Management will Herrn Benko bei der Miete entgegenkommen.“ Doch die gute Nachricht verhallte fast ungehört. Tief sitzt das Misstrauen der Beschäftigten, dass für den Investor René Benko nur das Immobiliengeschäft zählt, während der Erhalt der Kaufhäuser und die Zukunft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an sich nebensächlich sei.

„Wie soll die Zukunft ohne Warenhaus denn aussehen?“, fragte Sonja Staack, stellvertretende Vorsitzende des DGB Bezirks Berlin-Brandenburg, an die Adresse der Signa-Gruppe gerichtet, die mit dem sogenannten Schutzschirmverfahren eine Form der Insolvenz beantragt hat, die den Konzern von der Standortgarantie für seine Kaufhäuser befreit. „Wir dürfen nicht Amazon und Co. den Handel überlassen!“, nahm Staack eine mögliche Antwort gleich vorweg.

Unerwartet viel Zuspruch bekam Bernd Szczepanski, Ko-Fraktionsvorsitzender der Grünen im Neuköllner Bezirksparlament, für sein selbstgefertigtes Plakat mit der Aufschrift „Heute ‚Kaufhausheld*innen‘ morgen arbeitslos?“. Nach Abschluss der Kundgebung konnte er sogar – unbeanstandet von den Sicherheitsleuten der Gropiuspassagen, die anfangs noch penibel darauf achteten, dass die Kundgebungsteilnehmer 1, 50 Meter Abstand zur Fassade hielten – mit seinem Protest-Plakat in das Einkaufszentrum gehen.

=Christian Kölling=