Rudow schöner machen: Rallye zu Nazi-Schmiereien

„Um es gleich vorne weg zu sagen: Ich beseitige nicht Aufkleber und Graffiti, sondern ausschließlich Hassparolen und Nazisymbole“, stellte Irmela Mensah-Schramm am Anfang des Gespräches klar, das ich mit der ehemaligen Heilpädagogin bei einem ganz besonderen Spaziergang in den ruhigen Straßen Rudows führen konnte. Die Initiative „Rudow empört sich“ hatte als eigenen Beitrag zum dreitägigen Festival „Offenes Neukölln“ eine Rallye zu Nazi-Schmierereien organisiert. Am südlichen Ausgang des U-Bahnhofs Rudow trafen sich deshalb Sonntagnachmittag rund 20 Menschen, die sich auf mehrere Touren zu Fuß und mit dem Fahrrad aufteilten.

Wo entdeckt man rechte Schmiereien und Aufkleber? Was bedeuten sie? Wer steckt dahinter? Und wie werden sie entfernt? Irmela Mensah-Schramm fing 1986 damit an, den öffentlichen Raum auf ihre Art zu entnazifizieren, weil sie sich damals über geschichtsvergessene Aufkleber mit der Aufschrift „Freiheit für Hess“ empörte. Mittlerweile hat die Aktivistin, die ihre Arbeit gründlich dokumentiert und inzwischen mit einer BahnCard 100 in ganz Deutschland unterwegs ist, 119 Aktenordner mit unzähligen verschiedenen Aufklebern der rechtsextremen Szene angelegt. Endgültig bekannt wurde die couragierte Kämpferin gegen politisch motivierten Hass als sie im Mai 2016 in einem Fußgängertunnel in Zehlendorf die Forderung „Merkel muss weg!“ übersprühte und in den Slogan „Merke! Hass weg“ verwandelte.

Die Staatsanwaltschaft Berlin leitete in diesem Fall gegen Mensah-Schramm ein Strafverfahren wegen Sachbeschädigung ein, das zunächst mit einer Verurteilung zu 1.800 Euro Geldstrafe auf ein Jahr Bewährung endete. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Mensah-Schramm kündigten gegen das Urteil Berufung an. Im Juli 2017 wurde das Verfahren allerdings eingestellt, weil der Strafantrag zurückgezogen wurde und die Staatsanwaltschaft das öffentliche Interesse an einer Strafverfolgung verneint hatte.

„In Rudow kleben hauptsächlich die Identitäre Bewegung, Die Rechten, Der 3. Weg sowie die NPD“, berichtete Mensah-Schramm, die sich auch in Neukölln immer wieder einmal eine Anzeige wegen Sachbeschädigung einhandelt. Während der Tour kamen wir u. a. an einem Verteilerkasten vorbei, auf dem eine blaue Odal-Rune prangt, die Mensah-Schramm mit schwarzer Sprühfarbe verfremdete. Auf dem Spaziergang war allerdings auch spontane Zustimmung zu beobachten. Als die Gruppe einen Nazi-Sticker unkenntlich machen wollte, der kaum erreichbar hoch auf der Rückseite eines Verkehrszeichens klebte, stellten drei zufällig vorbeikommende Seniorinnen mit wohlwollenden Kommentaren spontan einen Stockregenschirm als Hilfsmittel zur Verfügung.

=Christian Kölling=

Eine Antwort

  1. Danke, lieber Christian.

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