Neue Normalität: Mund-Nase-Bedeckung ist ab heute Pflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln

„Uns allen muss bewusst sein, dass dieser Kampf gegen das Virus ein Marathon ist. Diese Aufgabe wird uns noch lange fordern“, sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer auf einer großen Pressekonferenz am 19. März in Berlin. Knapp einen Monat später appellierte Finanzminister Olaf Scholz im ARD-Brennpunkt an die Bevölkerung: „Was wir jetzt brauchen, ist für lange Zeit eine neue Normalität.“ Solange es weder Medikamente noch Impfstoffe gibt, müsse man mit dem Virus als Realität in der Gesellschaft leben, sind sich die Experten einig. „Es wird eine Zeit nach dem Virus geben“, machte uns erst am Freitag der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten in einem sehenswerten, halbstündigen Fernseh-Interview mit dem ORF allerdings auch Hoffnung. An welcher Kilometermarke des Marathons sind wir – bildlich gesprochen – aber angekommen? Und in welcher Verfassung werden wir das Ziel erreichen?

Auch wenn niemand diese Fragen seriös beantworten kann, ist mit der neuen Änderung der SARS-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung, die am vergangenen Dienstag in Kraft trat, ein erstes Etappenziel erreicht: Kleinere Geschäfte bis 800 Quadratmeter konnten in der zurückliegenden Woche unter Einhaltung der Abstands- und Hygiene-Regeln bereits wieder öffnen. Ab nächsten Montag dürfen Friseure wieder arbeiten, kleinere Demonstrationen können durchgeführt und Gottesdienste wieder besucht werden „Zum 4. Mai wollen wir nun zum Regelfahrplan zurückkehren, auf den Linien U2, U5 und U7 etwa gilt bereits seit dem 20. April wieder der reguläre Fahrplan“, kündigt auch die BVG auf ihrer Webseite an. „Bei der Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs ist ab dem 27. April 2020 eine textile Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen“, schränkt jedoch die vierte Corona-Verordnung des Senats ein. Das macht den Unterschied zwischen alter und neuer Normalität deutlich. „Als Mund-Nasen-Bedeckung gelten einfache Schutzmasken oder selbstgenähte Modelle, aber auch ein Tuch oder ein Schal“, erklärt der Senat.

Berlinerinnen und Berliner, die sich die Masken finanziell nicht leisten können, sollen an dezentralen Ausgabestellen bald kostenlose Masken erhalten. Freitagnachmittag konnte Christopher Dathe, Pressesprecher von Sozialstadtrat Jochen Biedermann, mir zwar bestätigen, dass es in Neukölln demnächst Alltagsmasken für Bedürftige geben soll, wann sie jedoch geliefert werden und wo die dezentralen Ausgabestellen sein werden, konnte er allerdings noch nicht sagen.

Für Menschen, die es sich leisten können, ist ein einfacher Nasen-Mund-Schutz aber auch in Spätis, Apotheken, Sanitätsfachhandlungen und anderen Geschäften erhältlich. Mit medizinischen Masken, die vor Ansteckung schützen, darf er aber nicht verwechselt werden. Neben einfachen OP-Masken werden in den Geschäften gelegentlich auch waschbare Alltagsmasken angeboten, die mehrfach verwendet werden können. Weil das sichtbare Angebot in Neukölln nur gering ist, sind Nähanleitungen für Do It Yourself-Masken aus Stoff sehr begehrt. Auf Materialspenden angewiesene Selbsthilfe-Initiativen – wie z. B. die in der Gemeinschaftsunterkunft Haarlemer Straße – nähen Behelfs-Nase-Mund-Schützer, die sie an Geflüchtete und Menschen aus Risikogruppen verteilen.

Bei einsamen Spaziergängen durch Neuköllns Straßen fielen mir in den vergangenen zwei Wochen aber gelegentlich Atelierfenster von Modedesignern ebenso wie Änderungsschneidereien auf, wo Masken aus Stoff angeboten werden. Modisch-elegante, poppig-bunte und romantisch-verträumte Modelle sah ich bei Marion Czyzykowski in der Richardstraße 34, im Fenster von Simone Snor in der Sonnenallee 120 und im Showroom von Vivaelisa, einer Mode-Designwerkstatt in der Friedelstraße 61.

Das gerade eingerichtete Neuköllner Internet Portal „Deine Läden brauchen Dich“ war mit aktuell 21 Einträgen lokaler Geschäften dagegen leider keine Hilfe bei der Suche. Anbieter von Masken und Mundschutz in Berlin sind eher auf dem Online-Marktplatz Alltagsmasken zu finden, der sich aber vor allem an Einrichtungen und Firmen richtet, die größere Bestellungen aufgeben wollen.

„Fahren Sie bitte nicht zu den sonst üblichen Hauptverkehrszeiten, wenn möglich. So können die Spitzenzeiten entzerrt werden. Sie und diejenigen, die ihre Fahrzeiten nicht ändern können, haben dann mehr Platz“, bittet die BVG. „Nutzen Sie die volle Länge der Fahrzeuge, sodass Sie und Ihre Mitfahrenden sich gut auf das gesamte Fahrzeug verteilen. Falls schon viele Fahrgäste an Bord sind und Sie es einrichten können: Der nächste Bus, die nächste Bahn kommt mit Sicherheit“, schreibt das Verkehrsunternehmen. Die S-Bahn Berlin appelliert an die Fahrgäste, in eigener Verantwortung den Mund-Nasen-Schutz im gesamten öffentlichen Raum zu tragen – auch aus Rücksichtnahme und Respekt gegenüber anderen.

Vielleicht können auch kürzere Wege zu Fuß erledigt und längere Strecken mit dem Rad zurückgelegt werden, um den ÖPNV weiter zu entlasten. Neuköllnerinnen und Neuköllner, die am Kottbusser Damm wohnen, können gerade die Vorzüge und Nachteile einer Pop-Up-Bike-Lane vergleichen, die der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eingerichtet hat. Bürgermeister Martin Hikel lehnte diese extrabreiten Radstreifen für den Norden des Bezirkes gegenüber dem Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln bereits ab, wie dem Antwortschreiben, das die SPD Neukölln bei Twitter veröffentlicht hat, zu entnehmen ist. Stattdessen stellte Hikel aber die Einrichtung temporärer Spielstraße in Aussicht . Für den Süden des Bezirkes sagte er zu, die Einrichtung einer extrabreiten Corona-Radspur prüfen zu lassen. Im Norden wurde die neue asphaltierte Verbindung von der Pannierstraße zur Donaustraße für Radfahrende in beide Richtungen freigegeben, gab das Neuköllner Bezirksamt jedoch als fahrradfreundliche Maßnahme am Freitag bekannt.

Wie nicht-medizinischer Mund- und Nasenschutz richtig verwendet werden kann, erklärt Dr. Julia Fischer in einem Video des rbb.

=Christian Kölling=