Temporäre Rad-Infrastruktur während der Corona-Krise auch an Neuköllner Hauptstraßen?

Weniger Autoverkehr in der Stadt, dafür aber mehr Menschen auf den Straßen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, das ist seit den Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus zu verzeichnen. Kürzlich begegnete ich beispielsweise am Hertzbergplatz dem Journalisten Stephanus Parmann, der nicht mit den Öffentlichen, sondern mit dem Fahrrad in Neukölln unterwegs war. Bundesweit wird inzwischen eine pandemie-gerechte Infrastruktur für den Rad- und Fußverkehr gefordert. In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es inzwischen ein Pilotprojekt. Wo könnte aber solch eine pandemie-gerechte Infrastruktur in Neukölln eingerichtet werden und wer kann darüber entscheiden?

„Die am 1. April 2020 veröffentlichten Zahlen der Verkehrsinformationszentrale zeigen, dass ein immer höherer Anteil der Wege in Berlin mit dem Fahrrad zurückgelegt wird“, stellt das Bündnis Berliner Straßen für alle fest und fordert den Berliner Senat sowie die 12 Bezirke jetzt zu kurzfristigem und schnellem Handeln auf. „Um den Berlinerinnen und Berlinern angesichts der Covid-Gefahrenlage zu ermöglichen, möglichst ansteckungsfrei ihre Wege zurückzulegen, benötigen wir ein dichtes Netz provisorischer, geschützter Fahrradinfrastruktur auf den Fahrbahnen der Hauptstraßen. Diese ermöglicht noch mehr als bisher auch Ungeübten den Umstieg auf das Rad, da sie Sicherheit und Sicherheitsgefühl bieten“, erläutert Peter Fuchs vom Verein Power Shift im Namen des Bündnisses, dem u. a. der ADFC Berlin, der VCD Nordost sowie Changing Cities angehören. Ausreichend dimensionierte Radstreifen erlaubten ein sicheres Überholen der Radfahrenden untereinander. Und vor dem Kraftfahrzeugverkehr geschützte Radstreifen verringerten die Unfallgefahr, so dass die Krankenhäuser entlastet werden, die ausweislich der Unfallstatistik der Berliner Polizei bislang täglich schwerverletzte Radfahrer aufnehmen müssen, argumentiert das Bündnis ferner.

In einem Pilotprojekt haben der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz in der vergangenen Woche bereits mehrere Radstreifen, die mit Baustellenbaken geschützt sind, auf einer Länge von insgesamt fünf Kilometern eingerichtet. Zusätzlich wurde eine erweiterte Aufstellfläche auf der Fahrbahn für Radfahrende an der besonders frequentierten Kreuzung der Zossener-/Gitschiner Straße aufgebracht. Verkehrssenatorin Regine Günther sagte: „So erreichen wir mehr Sicherheit für die Radfahrenden, auch weil die Abstandsregeln auf Radwegen besser eingehalten werden können. Es werden vor allem dort temporäre Radwege markiert, wo bereits dauerhafte Radwege geplant sind.“ Die Maßnahmen trügen auch dazu bei, den öffentlichen Personennahverkehr zu entlasten und in S- und U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen das Abstandsgebot leichter einzuhalten.

Der Regelplan „Temporäre Einrichtung und Erweiterung von Radverkehrsanlagen“, der kurzfristig von der Senatsverwaltung erstellt wurde, dient den Bezirken als Planungsgrundlage für geschützte Radstreifen, die jeweils in Zusammenarbeit mit der Abteilung Verkehrsmanagement der Senatsverwaltung eingerichtet werden sollen. „Mit temporären Radstreifen macht Berlin erste wichtige Erfahrungen in Friedrichshain-Kreuzberg Die Senatsverwaltung von Regine Günther teilt ihre Erfahrung bereits mit anderen Städten. Insbesondere die juristische Absicherung steht dabei im Vordergrund. Die Schaffung bundeseinheitlicher Leitlinien könnte dabei enorm Entwicklungszeit sparen“, lobt Ragnhild Sørensen von Changing Cities das Pilotprojekt in einem offenen Brief an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer.

In Neukölln hat sich das Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln mit einem Schreiben an Bezirksbürgermeister Martin Hikel bereits für die Einrichtung temporärer Radstreifen ausgesprochen. Unklar ist bislang aber, wo und wie diese geschützten Radstreifen temporär eingerichtet werden können. Der BVV-Ausschuss für Verkehr und Tiefbau, der über die Einrichtung beraten könnte, tagt bis auf weiteres nicht. Eine Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung, auf der wahrscheinlich nur eine kleine Zahl der Verordneten den Mehrheitsverhätnissen des Bezirksparlaments entsprechend zusammenkommen wird, ist erst nach dem 2. Mai vorgesehen.

Als mögliche Strecken eines pandemie-gerechten Radweges werden oft die Hermannstraße, der Britzer- sowie der Buckower Damm und die Fritz-Reuter-Allee vorgeschlagen. Aus Sicht des Tiefbauamtes, erklärte mir Christian Berg, Pressesprecher von Bezirksbürgermeister Martin Hikel, am Donnerstagnachmittag, dürfte die Einrichtung der pandemiegerechten Radstreifen die laufenden Arbeiten am Radwegenetz nicht behindern und müsse vielmehr im Einklang mit den bestehenden Planungen erfolgen.

=Christian Kölling=