Roma-Selbsthilfeorganisation warnt vor einer humanitären Katastrophe

Zum 30. Mal wurde in der vergangenen Woche der Internationale Roma-Tag gefeiert. Als Statement gegen Antiziganismus und für ein diskriminierungsfreies Miteinander ließ Bezirksbürgermeister Martin Hikel aus diesem Anlass am 8. April erstmals die Roma-Flagge vor dem Rathaus aufziehen. Das Blau in der oberen Hälfte und das Grün in der unteren Hälfte der Fahne mit dem roten Speichenrad im Zentrum repräsentieren Himmel und Erde.

„Roma sind in vielen Ländern Europas massiver Diskriminierung ausgesetzt, und das seit Jahrzehnten. Auch in Berlin bestehen antiziganistische Einstellungen in der Bevölkerung. Der Bezirk Neukölln mit seinen Bürgerinnen und Bürgern aus 150 Nationen steht für ein friedliches und respektvolles Miteinander. Die Flaggenhissung ist deshalb ein Ausdruck unserer Solidarität“, erklärte Hikel zum Gedenktag, der nicht zuletzt an die Geschichte von Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung erinnert, die ihren tragischen Höhepunkt in dem Porajmos, dem nationalsozialistischen Genozid an 500.000 europäischen Sinti und Roma fand.

„Die Rathäuser Neukölln und Charlottenburg setzen mit dem Hissen der Roma-Flagge an diesem Tag ein wichtiges Zeichen der Anerkennung. In einer solchen Krise darf es jedoch nicht bei solch wichtigen Symbolen bleiben“, erklärte Merdjan Jakupov, Vorsitzender des Amaro Foro e. V. in einer Pressemitteilung und warnte eindringlich: „Der Antiziganismus hat in Zeiten von Corona eine neue Qualität erreicht. Wir müssen jetzt eine humanitäre Katastrophe verhindern!“ Die Selbsthilfeorganisation beobachte die derzeitige Situation vieler Romnja und Roma in osteuropäischen Ländern mit großer Sorge. „Ihre Lebenssituation in Bulgarien, Rumänien, Serbien und anderen Balkanstaaten war schon vorher äußerst prekär. Häufig leben viele Menschen auf engem Raum zusammen. Quarantäne oder überhaupt räumlicher Abstand zu anderen sind für sie schlicht nicht möglich“, erklärte Jakupov und forderte die Institutionen der Europäischen Union deshalb auf, sämtliche Mitgliedsstaaten, Beitrittskandidaten und Anrainerstaaten dabei zu unterstützen, die Minderheit der Roma angemessen vor dem Virus, vor Hungersnot und Verelendung und vor rassistischen Pogromen zu schützen.

Der Europa-Abgeordnete Romeo Franz ruft deshalb auch die Europäische Kommission und ihre Präsidentin Ursula von der Leyen sowie sieben weitere internationale Institutionen in einer Online-Petition dazu auf, die Schutz- und Präventionsmaßnahmen gegen Covid-19 für alle in Europa lebenden Menschen gleichermaßen zugänglich zu machen, unabhängig von ihrer Nationalität, Ethnie, Religion oder ihrem Aufenthaltsstatus. Zudem appelliert er, die Hassrede und rassistischen Stereotype, welche Roma zu Sündenböcken der Covid-19-Epidemie machen, öffentlich zu verurteilen und aktiv zu bekämpfen.

=Christian Kölling=