Hoffnung, Bangen und Zuversicht in der Neuköllner Oper

Eigentlich hätten Lou Strenger, Teresa Scherhag und Killian Ponert (r.) wohl jeden gerne mit Handschlag empfangen. Doch als die drei Schauspieler und Sänger ihre Premierengäste an der Tür des Studios der Neuköllner Oper persönlich begrüßten, stand die Bekanntgabe der Berliner Kontaktsperre-Gesetzes kurz bevor und Abstandhalten wurde zum Gebot der Stunde. So ging die Uraufführung der „Opera for Sale“ am 12. März als letzte Premiere vor der Corona-Krise in die Berliner Theatergeschichte ein. „Bis 5. April waren alle Vorstellungen schon ausverkauft“, bedauerte Marketing-Chef Andreas Altenhof aus dem Direktorium der Neuköllner Oper, bevor er für unbestimmte Zeit alle weiteren Aufführungen der Produktion absagen musste: Deren Buch basiert auf Ergebnissen der gemeinsamen Recherche „Wem gehört Berlin“ von Correctiv und Tagesspiegel sowie auf Gesprächen mit dem Neuköllner Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann.

„Morgen sind wir dicht“, „Jetzt wird infiziert mit guter Laune!“, „Sollte Ihr Nachbar niesen: Die Notausgänge befinden sich vorne und hinten!“ Trotzig ging das dreiköpfige freie Opern-Ensemble auf die aktuelle Situation ein und legte, begleitet von Doron Segal am Keyboard und Omri Abramov am Saxophon, unverzagt mit der rund 70-minütigen Aufführung noch einmal so richtig los. Als sogenanntes „Immobilien-Infotainment“ – einer laut Eigenwerbung „ultimativen Enteignungsoper“ – nimmt das dystopische Opernstück spielerisch vorweg, wie der Neuköllner Opernbetrieb in naher Zukunft aussehen könnte, wenn Gentrifizierung, Aufwertung und Ausverkauf der Kieze weitergehen: Die „Angel Dust Property Opera Neukölln“ hat das politisch ambitionierte Opernhaus an der Karl-Marx-Straße übernommen. Die Zuschauer sind mit dem Kauf ihrer Eintrittskarten zu Shareholdern eines Opern-Unternehmens geworden, dessen stets und ständig freundlich-lächelnde Musical-Service-Mitarbeiter nur noch seichte Unterhaltung bieten.

Vor allem auch die düsterste Seite der schönen neuen Opernwelt und die apokalyptische Kraft des Kapitals, das unbeschränkt nach immer optimaleren Anlagemöglichkeiten sucht, werden auf der Bühne zu gezeigt: Ein Mieter sehnt sich in seiner Ein-Zimmer-Bruchbude nach der Zeit zurück, als der Hauseigentümer Harry Gerlach noch namhaft gemacht werden konnte und die Miete verhältnismäßig günstig war. Dezernent 7 aus der Berliner Stadtverwaltung ringt kurzzeitig mit Mitteln des Milieuschutzes einen Investor im teuren Pelz nieder, der mit überschüssigem Geld buchstäblich um sich wirft bis er und unter großen Scheinen begraben wird. Schlussendlich siegt die globale Investment-Firma Blackrock aus New York City aber doch, die überfallartig mit der Ansage „This is an investment. I repeat: This is an investment“, einen Duty-Free-Shop des neuen International Airport Neukölln im Opernhaus etabliert.

„Es ist, als ob wir einen kräftigen Schlag bekommen hätten und uns jetzt allmählich wieder erholen“, sagte mir Andreas Altenhof vor einigen Tagen: „Wir schauen auf die Woche nach den Osterferien wie das Kaninchen auf die Schlange“, kommentierte er die Situation in der Neuköllner Oper nach der unfreiwillige Spielpause, die vorerst bis 19. April dauern wird. Solange es keinen Impfstoff gegen das Corona-Virus und keine Medikamente gegen die Covid-Erkrankung gibt, ist nur schwer vorzustellen, dass sich viele Menschen lustvoll zu einem unterhaltsamen Opernabend zusammenfinden.

Kaum vorstellbar ist allerdings auch, dass nur 10 Zuschauer im Studio oder nur 50 Personen im großen Saal einer Aufführung folgen können, damit die erforderlichen Sicherheitsabstände eingehalten werden. Um das Stück „Opera for Sale“, das ohne erhobenen Zeigefinger auskommt und mit eingängigen Melodien in Erinnerung bleibt, in einer aufwändige Streaming-Produktion im Internet zu präsentieren, fehlen der Neuköllner Oper aber allerdings ebenso die technischen Mittel wie das Geld.

So sieht man der Zukunft im Haus an der Karl-Marx-Straße mit Hoffnung, Bangen und Zuversicht entgegen. Probenhonorare und ein Teil der Gagen können an die Mitwirkenden gezahlt werden und auch die finanzielle Soforthilfe der Investitionsbank Berlin sei bei den Betroffenen angekommen, versicherte Altenhof. Für die Zeit nach der Krise konnte auf der Webseite der Neukölner Oper inzwischen zumindest ein virtueller Denkraum eingerichtet werden, um mit dem Publikum für einen zukunftsgerichteten Diskurs in Verbindung zu bleiben.

=Christian Kölling=