Ostern in Neukölln im Schatten der Corona-Pandemie

Hoffnung, Zuversicht und Solidarität sind in Zeiten der Corona-Krise unverzichtbare Werte: Auch religiöse Glaubensgemeinschaften müssen ungewohnte Wege gehen, um ihren Gläubigen trotz Kontaktsperre religiöse Unterstützung und Trost zu bieten. Das fängt bei Telefonberatungen an und reicht über Video-Andachten bis hin zu Aushängen an den Türen der Gotteshäuser, wie ich sie beispielsweise erst kürzlich an der katholischen Christophorus-Kirche am Reuterplatz sah.

Das Interkulturelle Zentrum Genezareth und die Neuköllner Begegnungsstätte / Dar as-Salam Moschee wagten am Freitagmittag vergangener Woche mit der Initiative „Ich höre Deinen Ruf – Gebetsruf als Zeichen des Zusammenhalts in der Corona-Krise“ eine außergewöhnliche Aktion: Die Glocken der Genezareth-Gemeinde und der islamische Gebetsruf aus der Dar as-Salam Moschee sollten an diesem Tag erstmals in Neukölln im Gleichklang zum Gebet und zur Einigkeit aufrufen. Danach sollten täglich um 18 Uhr und freitags bereits um 13.30 Uhr christliche Glocken und islamische Gebetsrufe gemeinsam in Neukölln zu hören sein.

„Uns Gläubige eint unser Vertrauen in Gott sowie das Bedürfnis ihm und der Gemeinde nahe zu sein. Wir möchten unseren Ruf zum Gebet vereinen und aus der Entfernung die Herzen der Menschen erreichen. Wo Angst und Verzweiflung herrschen, sollen Zusammenhalt, Liebe und Geborgenheit vermittelt werden“, begründete Imam Mohamed Taha Sabri aus der Dar as-Salam Moschee die Initiative. Pfarrer Dr. Reinhard Kees vom Interkulturellen Zentrum Genezareth erklärte: „Das Virus kennt keine Unterschiede von Religionen und Kulturen. Wir alle sind gleichermaßen betroffen. In Zeiten von räumlicher Distanz brauchen wir Zeichen der Nähe und Verbundenheit. Glocken und Muezzin rufen in Nord-Neukölln zeitgleich zum Gebet. So werden Solidarität und Gemeinsamkeit unter denen, die zu Gott rufen, hörbar und erlebbar für alle.“

Doch die mutige christlich-muslimische Initiative scheiterte bereits am ersten Tag. „Bei Gebetsrufen versammelten sich heute vor einer Moschee in Neukölln ca. 300 Personen. Dem Imam, dem OA & unseren Kolleg. gelang es nur zum Teil, die Anwesenden zum Abstandhalten zu bewegen. Das Gebet wurde im Einvernehmen mit dem Imam vorzeitig beendet“, berichtete Freitagabend die Berliner Polizei via Twitter. Am Montagnachmittag reagierte Gesundheitsstadtrat Falko Liecke mit einem Verbot des Gebetsrufes: „Der Gebetsruf der Moschee am vergangenen Freitag war Auslöser für massive Verstöße gegen die aktuellen Eindämmungsmaßnahmen gegen das Virus. Es ist der Öffentlichkeit nicht zumutbar, das weiter hinzunehmen und auf Besserung zu hoffen. Rechtsgrundlage für das Verbot ist § 28 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes. Das Verbot wird auch über den 19. April hinaus verlängert, soweit es erforderlich ist“, teilte Liecke mit.

=Christian Kölling=