Gabenzäune – an sich eine gute Idee, aber …

„Das Ausmaß der Corona-Pandemie hat uns alle überraschend stark getroffen. Lasst uns dabei helfen, dass all unsere Mitmenschen auf den Straßen Berlins diese schwere Zeit gut überstehen.“ Diesen Aufruf las ich gestern an einem der Gabenzäune, die mittlerweile nicht nur am Reuter- und Richardplatz, sondern z. B. auch an den Ecken Herrfurth-/ Weisestraße, Siegfried-/Hermanntraße und Columbiadamm/Fontanestraße entstanden sind. 

Die Idee des Gabenzaunes klingt bestechend unkompliziert: Menschen aus der Nachbarschaft hängen für Menschen ohne Zuhause einfach Tüten mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Bekleidungsstücke und andere Dinge für die ärmsten der Armen an den Zaun. Erstmals in der Praxis erprobt wurde der soziale Spendenzaun auf dem Heidi-Kabel-Platz am Hamburger Hauptbahnhof. Betreut wird der Zaun, der verbindet und nicht trennt, dort vom gemeinnützigen Verein Hamburger Gabenzaun e. V.. In Berlin wurde ein Spendenzaun erstmals im November 2018 am S-Bahnhof Schöneweide aufgestellt. Allerdings musste die Initiatorin ihren Versuch nach kaum drei Wochen abbrechen, da auch Menschen, die nicht obdachlos waren, sich am Zaun in Treptow-Köpenick umsonst bedienten.

Weil in der Vergangenheit bereits unterschiedliche Erfahrungen mit Gabenzäunen gemacht wurden, fragte ich Thomas de Vachroi, Armutsbeauftragter des Diakoniewerkes Simeon, Sozialbeauftragter der Neuköllner CDU sowie Leiter des Diakonie-Hauses Britz, wie er die Idee bewertet.

Alle Welt spricht von ‚StayHome‘ und viele Aufrufe in den sozialen Netzwerken bieten Nachbarschaftshilfe und Kinderbetreuung an. Doch eine Gruppe wird fast vollständig außer Acht gelassen, das ist die Gruppe der Wohnungslosen und Obdachlosen. Diese Menschen sind schon jetzt nicht mehr in der Lage sich über Wasser zu halten da die Straßen- und Lebensmittelspenden zu 90 Prozent zurückgegangen sind“, antwortete de Vachroi gestern per Mail. Erschwerend kommt aus seiner Sicht hinzu, dass die Tee- und Wärmestube am 15. März ihre Räumlichkeiten schließen musste, um die Ansteckungsgefahr für Mitarbeiter so gering wie möglich zu halten. Auch die Küche bleibt geschlossen und keinerlei Lebensmittel werden mehr vor Ort verarbeitet.

Zur Situation der Gabenzäune schreibt der Armutsbeauftragte: „Es ist eine gute Idee aber nicht immer nur zum Besten. In den Tüten befinden sich teilweise verarbeitete Lebensmittel. Das ist aus meiner Sicht äußerst problematisch, da es nicht geklärt ist, woher diese stammen und wer sie zubereitet hat. Wir wissen auch nicht wie lange sie schon an diesen Zäunen hängen. Um der Gesundheit willen bringen Sie doch diese Gaben in die jeweiligen Obdachlosenstationen oder geben Sie diese direkt an die betroffenen Personen ab. Es wurde schon beobachtet, dass Krähen diese Beutel aufreißen und wie Sie ja bestimmt wissen, können Tiere nicht unterscheiden, für wen diese Beutelchen gepackt sind.“

Die Tee- und Wärmestube in der Weisestraße hält ihre Versorgung jetzt mit der Ausgabe von Lunchpaketen aufrecht, so gut es geht. Die Essenspakete werden an drei Tagen in der Woche für jeweils zwei Stunden ausgegeben. Vor Ort werden die Pakete aus dem Fenster gereicht, so dass möglichst jeglicher Kontakt unterbrochen ist. „Eine fürchterliche Situation für die Menschen aber auch für uns. Da die Supermärkte keinerlei Nahrungsmittel-Spenden zur Verfügung stellen können, müssen wir die Nahrungsmittel kaufen was leider in den genehmigten Budget nicht vorgesehen ist. Das ist ein finanzieller Kraftakt wenn pro Woche bis zu 250 Pakete bereitgestellt werden müssen“, kommentierte Thomas de Vachroi. Auch er ruft deshalb dazu auf, wenn möglich, haltbare und verschlossene Lebensmittel zu spenden.

Die Spenden werden auch im Diakonie Haus Britz angenommen und zu den Öffnungszeiten der Tee und Wärmestube in der Weisestraße 34. Um telefonische Anmeldung unter Fam. Trottner 030 601 78 01 oder Thomas de Vachroi unter 0163 68 904 91 wird gebeten.

=Christian Kölling=

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