„Rudow liest“ konnte noch stattfinden, dann kam die Corona-Krise nach Berlin

Immer am ersten März-Wochenende gibt es im Süden Neuköllns das Lesefest „Rudow liest“, das seit neun Jahren rund ein Dutzend Lesungen an fast ebenso vielen Orten bietet. 15 Veranstaltungen konnte Heinz-Jürgen Ostermann, Buchhändler und Organisator des erfolgreichen Veranstaltungsformats, am 6. März wieder ankündigen, obwohl die weltweite Corona-Krise nach dem Ausfall der Leipziger Buchmesse ihre Schatten bereits vorauswarf. Die Räume der Kirchen, verschiedene Geschäfte – darunter die örtliche Apotheke und eine Boutique – der Wochenmarkt, die Schule und selbstverständlich die lokale Stadtteilbibliothek sowie die Rudower Buchhandlung Leporello verwandeln sich dann regelmäßig für drei Tage in kleine und große Lesebühnen für Menschen aller Altersklassen.

Zur Eröffnung stellte Ahne in der Bibliothek Rudow sein fünftes Buch aus der Reihe „Zwiegespräche mit Gott“ vor. „Gott wohnt ja in der Choriner Straße 61. Ich wohne gleich um die Ecke, und wir unterhalten uns regelmäßig und haben uns irgendwann dazu entschlossen, unsere Gespräche zusammen auf der Bühne vorzutragen. Heute ist es leider so, dass Gott nicht kann. Ausgerechnet bei dieser Lesung!“, kündigte der Autor an und präsentierte auch aktuelle Dialoge, die er nach dem Erscheinen seines neuesten Buches schon wieder geschrieben hat.

In der Rudower Dorfkirche fand einen Tag später die Hauptveranstaltung mit Eugen Ruge statt, der aus seinem Roman „Metropol“ las. „Der Kern der Geschichte ist fiktiv“, erklärte Ruge, der im Buch die Geschichte seiner Großmutter verarbeitet, die 1936 als deutsche Kommunistin noch knapp vor den Nazis in die Sowjetunion fliehen konnte, wo sie anschließend im Moskauer Hotel Metropol 477 zermürbende Tage lang auf ihre eigene Verhaftung warten musste. „Ruge macht literarisch deutlich, was der Mensch alles zu glauben imstande ist“, kommentierte Ostermann einleitend das Buch des Autors, der 2011 mit dem Deutsche Buchpreis ausgezeichnet wurde. Charlotte, die Hauptperson des Familienromans, hielt der Rudower Maler Peter Schönfeld, der als PESCH bekannt ist, in einem Bild fest, das eigens zum Lesefestival entstand.

Am dritten Tag lockte mich schließlich die Buchvorstellung von Ahmad Mansour in die Buchhandlung Leporello. „Klartext zur Integration: Gegen falsche Toleranz und Panikmache“, ist das Buch des aus Israel stammenden Arabers betitelt, der nach der Jahrhundertwende in Berlin eine neue Heimat fand. „Ich bin ein Verfassungs-Patriot“, sagte der Psychologe, der als Mitarbeiter des Heros-Projektes 2007 auch in Neukölln tätig war. Mansour will in Deutschland eine gesellschaftliche Diskussion über Islamismus, Zwangsverheiratungen und Antisemitismus anstoßen, die für Migranten, Flüchtlinge und die Mehrheitsgesellschaft gleichermaßen gewinnbringend sein soll.

Zwölf weitere Lesungen, die Satirisches und Belletristisches, Reise- und Kriminalliteratur ebenso wie die Vorstellung zweier Kinderbücher boten, waren außerdem für viele Berliner ein triftiger Grund, um einmal nach Rudow zu fahren. Zwei Wochen nach dem Lesefest hat sich die Welt grundlegend verändert. Es ist zu hoffen, dass „Rudow liest“ 2021 trotzdem stattfinden wird. Ostermanns Buchhandlung Leporello in der Krokusstraße ist jedenfalls bis auf Weiteres geöffnet, um etwaig aufkommende Langeweile zu vertreiben. „Ja, wir haben noch geöffnet. Die Kunden nehmen sehr Anteil. Es gibt durchaus einzelne Hamsterkäufe. Die Bibliotheken haben geschlossen und so besteht die Gefahr plötzlich auf dem Trockenen zu sitzen. Teilweise werden sehr spezielle Bücher verlangt: Camus‘ ‚Die Pest‘ oder Marquez‘ ‚Die Liebe in den Zeiten der Cholera’“, schrieb mir am Freitagabend der Buchhändler in einer Mail.

=Christian Kölling=

Eine Antwort

  1. Mansours Botschaft war, dass er in seiner gekonnten „Predigt“ sehr erfolgreich vermittelte, dass das Grundgesetz über den geoffenbarten heiligen Texten stehen muss, und dass diese Forderung einem spirituellen Islam nicht im Wege stehen sollte. Besonders seinen Beipielen aus dem Schulalltag konnten alle Anwesenden gut beipflichten. Dass Mansour nur unter großem Polizeischutz auftreten kann, war erschreckend. Dies verweist auf die Gefahren, die von orthodoxen Glaubensgebäuden heute nicht nur im Islam ausgehen. (s. Indien) Besonders sein „vernünftiges Verhandeln mit Gott“, im Sinne einer Anpassung der alten Regeln, mobilisiert offenbar militante reformfeindliche Islamisten.
    Und übrigens sei die Frage, woher jemand komme, kein Rassismus. Vielmehr sei das Unterlassen dieser Frage Zeichen für ein integrationschädliches Desinteresse! Es gab Beifall.

    Die Lesung von Eugen Ruge lässt sich da fast anschließen. In seinem Buch Metropol gelingt es ihm am Schluss, den kommunistischen Glauben seiner ehemals Britzer Familie mit christlichen Glaubenssätzen zu vergleichen, Selbstkritik mit der Beichte von Sünden. Eugen und seinem Vater Wolfgang von der Rütli und der Karl-Marx-Schule in Neukölln verdanken wir wirklich emanzipatorische Erkenntnisse über die Sozialisation in der kommunistischen Ideologie seiner Zeit. Es wäre wünschenswert, wenn sich Eugen auch damit noch für uns Leser auseinandersetzen würde.
    Richard

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