Tuntenspaziergang fordert Queer-Beauftragte*n für Neukölln

380 Übergriffe auf queere Menschen – Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle – registrierte das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo allein im Jahr 2018. Davon wurden 38 Übergriffe in Neukölln gemeldet, das waren doppelt soviele wie im Jahr 2017. Auch im Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist die Zahl mit 49 gemeldete Übergriffen im Jahr 2018 bedrückend hoch.

Auf einem sogenannten Tuntenspaziergang schlug die LSBTIQ-Community in Neukölln erstmals im Mai 2018 Alarm, nachdem die Sonnenallee mehrmals zum Tatort homophober Übergriffe geworden war. Gestern Nachmittag knüpften über 200 Menschen unter dem Motto „It‘s T*-Time Jetzt erst recht“ mit einem Protestumzug an diesen ersten großen Neuköllner Tuntenspaziergang an. Engagierte Reden und Musik sorgten trotz strömenden Regens für gute Stimmung im Protestzug.

Cis-Personen, bei denen das Geburtsgeschlecht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmt und Trans-Personen, bei denen das nicht der Fall ist, sollten eine Allianz eingehen, lautete die allgemeine Botschaft der Demonstration. Sie brach am Richardplatz, im Herzen des Bezirks, auf und endete im politischen Zentrum vor dem Rathaus Neukölln. Darüber hinaus hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aber auch eine ganz konkrete Forderung an Bezirksbürgermeister Martin Hikel und die Kommunalpolitik. „Wir fordern, dass Neukölln endlich die Stelle einer Queer-Beauftragten oder eines Queer-Beauftragten einrichtet“, sagte mir Ursula Künning, die seit kurzem Vorsitzende der Grünen-Fraktion in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung ist. Schon im Mai 2018 wollte Künning die Einrichtung solch einer Stelle erreichen, doch wie Bezirksbügermeister Hikel im Dezember 2019 auf ihren BVV-Antrag 745 / XX antwortete, der im Januar auf der Tagesordnung des Bezirksparlaments stand, hat Neukölln dafür kein Geld.

Anders ist die Situation dagegen im Nachbarbezirk Tempelhof-Schöneberg: Sventlana Lindberg arbeitet hier als erste bezirkliche Queer-Beauftragte Berlins, um Homophobie und Transphobie etwas entgegenzusetzen. Auf den Stufen vor dem Rathaus Neukölln erläuterte sie, wie sie mit ihrer Arbeit einerseits das Selbsthilfepotenzial der Betroffenen stärken und andererseits der alltäglichen Diskriminierung von Transpersonen durch die Mehrheitsgesellschaft entgegenwirken will. Auch im Bezirk Lichtenberg wird derzeit diskutiert, ob die Stelle eines Queer-Beauftragten eingerichtet werden kann. Das Land Berlin unterstützt die Arbeit der bezirklichen Queer-Beauftragten mit Sachmitteln. Die Personalmittel für die jeweilige Stelle müssen allerdings die Bezirke aus ihrem kommunalen Haushalt selbst aufbringen.

=Christian Kölling=