Über 3.000 Menschen in Neukölln beim Gedenkmarsch für die Opfer von Hanau

Laut, wütend und kämpferisch zog gestern Abend eine deutlich über 3.000 Teilnehmer zählende Trauerdemonstration vom Hermannplatz zum Rathaus Neukölln und wieder zurück. Sie gedachte der vielen getöteten und teils schwerverletzten Opfer, die am 19. Februar ein rassistisch motivierter Terroranschlag auf zwei Shisha-Bars in Hanau forderte und setzte ein Zeichen der Solidarität mit den Betroffenen sowie mit ihren Angehörigen. Die Neuköllner Initiative „Kein Generalverdacht“ hatte zur Demonstration aufgerufen, an der zahlreiche Gruppen und Bündnisse aus dem linken politischen Spektrum teilnahmen. Die Demonstranten trugen Antifa-Fahnen und kurdische Flaggen, Transparente gegen Rassismus, Faschismus und Islamfeindlichkeit sowie verschiedene Plakate gegen die AfD. Zeitgleich fand um 18 Uhr am Brandenburger Tor eine weitere Kundgebung zur Erinnerung an die Opfer von Hanau statt. Initiator dieses stillen Gedenkens war das Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin, dem Wohlfahrts- und Sozialverbände, Gewerkschaften, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, Verbände und Vereine angehören.

Zahlreiche Rednerinnen und Redner auf dem Lautsprecherwagen beklagten zum Auftakt der Kundgebung am Hermannplatz eine bis heute ungebrochene Kontinuität der rechtsextremen Gewalt in Deutschland, die mit den Ortsnamen Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen nur stichpunktartig beschrieben ist. Seit dem Anschlag auf dem Münchner Oktoberfest 1980 war der Feuerüberfall in Hanau der schwerste Angriff mit einem mutmaßlich rechtsextremen Hintergrund. Auch die Terrorserie des NSU und die Morde von Kassel und Halle sprachen verschiedene Redner an. „Die Angst wächst in mir Tag für Tag“, sagte der Linken-Politiker Ferat Koczak, der erst wenige Tage vor Weihnachten 2019 bei der Solidaritätsdemonstration „Kein Platz für Nazis“ auf dem Hermannplatz gesprochen hatte.

Zur Demonstration „Gemeinsam gegen rechte Hetze und Gewalt“ hatten sich in jüngerer Vergangenheit erstmals im Dezember 2016 mehr als 1.000 Personen auf dem Hermannplatz versammelt. Ende August 2018 demonstrierten zwischen Hermannplatz und Rathaus Neukölln einige Tausend Menschen unter dem Motto „Ob Chemnitz oder Neukölln: Auf die Straße gegen rechte Gewalt“. Die Demonstration gestern aus Anlass des Massakers in Hanau, war aber augenscheinlich die teilnehmerstärkste Protestversammlung. „Es gibt in diesem Land ein großes Problem. Das heißt Rassismus!“ „Klare Kante gegen AfD und Faschisten zeigen!“ „Deutschland, du hast ein Rassismus-Problem. Deutschland, du hast ein Nazi-Problem!“ wiederholten die Rednerinnen und Redner auf dem Hermanplatz beständig. Unterstützt und bestärkt wurden sie von Sprechchören der Zuschauer, die Parolen wie „Alle zusammen gegen den Faschismus“ und „Hoch die internationale Solidarität“ riefen.

Sarkastisch fasste eine Demonstrantin, die als eine der Ersten auf dem Hermannplatz erschienen war, ihre Eindrücke zur Medienberichterstattung über die Tat in Hanau mit den Worten zusammen: „Also wenn ich es richtig verstanden habe, ist es wieder einer aus der Mitte der Gesellschaft gewesen.“ Andere Teilnehmer kommentierten: „Die Zeit der Ausreden und Entschuldigungen ist vorbei. Wir glauben nicht an die Einzeltäter-These und auch nicht an die „Hufeisentheorie“, die Links und Rechts politisch gleichsetzt.“ Dezidierte Kritik an der Politik des Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, und des Innensenators von Berlin, Andreas Geisel, übte die Initiative „Kein Generalverdacht“. Die Organisatoren des Trauermarsches forderten in einem Flugblatt: “Nie wieder darf es Morde wie in Hanau geben. Schluss mit Razzien-Schikane! Die Debatte um die sogenannte Clan-Kriminalität ist gezeichnet durch Vorurteile und ein verzerrtes Bild von Neukölln als Gefahrenzone. Bewohnerinnen und Bewohner mit arabischen und türkischen Wurzeln werden als kriminelle Bedrohung dargestellt – kommen aber selbst kaum zu Wort.“

Nach Informationen der Initiative soll am 26. Februar in der BVV über die Neuköllner Razzien debattiert werden. Die Initiative „Kein Generalverdacht“ ruft aus diesem Anlass am Tag der Debatte zu einer Kundgebung ab 16.30 Uhr vor dem Rathaus Neukölln auf.

=Christian Kölling=