Mietergemeinschaft Elsenstraße 74 will keine „günstige Gelegenheit“ auf dem Immobilienmarkt sein

Gut besucht bis in die frühen Abendstunden war gestern das Hoffest der Hausgemeinschaft Elsenstraße 74. Einzig und allein Postkarten und Internet-Postings, Mund-zu-Mund-Propaganda, zahlreiche Aushänge in der Nachbarschaft und Party-Musik lockten jüngere und ältere Menschen ab 13 Uhr zum Haus dicht an der Ecke Harzer Straße. Auch die Neuköllner SPD-Abgeordnete Dr. Nicola Böcker-Giannini, deren Wahlkreisbüro zwei Ecke weiter ist, war gekommen.

Erst vor einigen Wochen übte der Bezirk Neukölln nebenan in der Elsenstraße 75 sein Vorkaufsrecht im Milieuschutzgebiet aus, worüber die Medien ausführlich berichteten. Nun wünschen sich rund zwanzig Mietparteien der Else74, dass eine städtische Wohnungsbaugesellschaft, eine Genossenschaft, eine Stiftung oder eine Privatperson, die sich für sozialverträgliches Wohnen in Berlin engagiert, auch ihr Haus kauft. Die Frist für die Ausübung des Vorkaufsrecht durch die Stadt endet in acht Tagen.

„Wir kommen aus verschiedenen Ländern der Welt – aus Südamerika, Nordamerika und Europa. Wir gehen vielfältigen Beschäftigungen nach, sind Arbeiterinnen, Handwerkerinnen, Studierende, Angestellte und Künstlerinnen“, schreiben die Bewohnerinnen und Bewohner der Elsenstraße 74 auf ihrer Webseite und erklären weiter: „Wir wollen in unserer Wohnung bleiben. Wir haben Jobs, die es uns ermöglichen, ohne Luxus zu überleben, aber wir sind stolz darauf, leben zu können, ohne um soziale Unterstützung zu bitten. Einer der Hauptgründe dafür ist, dass unsere Mieten noch erschwinglich sind.“

Das Haus Elsenstraße 74 ging kürzlich in den Besitz des in Wien ansässigen Immobilienunternehmens Fourreal über. „Unser Anspruch sind moderne Projekte mit zeitloser Eleganz. Dafür lassen wir keinen Stein auf dem anderen, sondern stellen auch bewährte Methoden regelmäßig zur Diskussion. Wir suchen nicht nach Opportunitäten, wir schaffen sie“, wirbt das Unternehmen, das in Neuköln bereits durch den Kauf des Hauses Fuldastraße 40 bekannt ist.

Doch die Mietergemeinschaft will keine „günstige Gelegenheit“ auf dem Immobilienmarkt sein. „Fourreal legt nach eigenen Angaben ihren Fokus auf ‚Objekte mit überdurchschnittlichen Renditemöglichkeiten oder mit Potential für Leerstand‘“, sagte mir gestern eine Mieterin auf dem Hoffest „Das klingt für uns nicht nach einem neuen Eigentümer, der das Wiener Modell in die Stadt trägt“, fügte sie skeptisch an.

=Christian Kölling=