Wie können sich ältere Migranten in der Politik engagieren?

Jung und bunt statt alt und grau: Das Image Neuköllns hat sich in den vergangenen 30 Jahren seit der Wiedervereinigung grundlegend gewandelt. Trotzdem leben viele Menschen der Generation 60 plus nach wie vor in Neukölln und – anders als in der Vergangenheit – gehört zu ihren Biographien inzwischen häufig eine Migrationsgeschichte. Gerade für Migranten gibt es bei altersgerechten Angeboten allerdings einen großen Nachholbedarf, auf den der damalige Sozialstadtrat Bernd Szczepanski vor über fünf Jahren beim Interkulturellen Seniorentag in Neukölln erstmals aufmerksam machte.

Die Arbeit der Neuköllner Seniorenvertretung hat in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutung. Erstens kann die Seniorenvertretung als eine Selbstorganisation der Betroffenen wichtige Veränderungsprozesse anregen und begleiten, die auch den Seniorinnen und Senioren mit Migrationsgeschichte zugute kommen. Die Seniorenvertretung vertritt, bündelt und koordiniert schließlich die Belange, Interessen und Rechte älterer Menschen im Bezirk gegenüber dem Bezirksamt und anderen Behörden, der Bezirksverordnetenversammlung, Parteien und Verbänden. Sofern sie mehr als Stellvertreterpolitik betreiben will, ist sie zweitens dringend auf die aktive Mitarbeit älterer Migrantinnen und Migranten angewiesen, die in der Seniorenvertretung bislang unterrepräsentiert sind. Unabhängig von ihrem Pass können alle Personen über 60 Jahre, die in Neukölln gemeldet sind, an den Wahlen für die Neuköllner Seniorenvertretung teilnehmen und selbst für das Gremium kandidieren, das mindestens 13 und höchstens 17 ehrenamtliche Mitglieder hat.

Damit Senioren mit Migrationsgeschichte sich aber tatsächlich Gehör verschaffen und konkret in die Politik einbringen, richteten Samira Tanana (l.), Vorsitzende des Integrations-Ausschusses der BVV Neukölln, und Koordinatorin Belgin Genc (r.) am vergangenen Freitrag ihren ersten Info-Nachmittag des Projektes „Be Part“ über verschiedenste Beteiligungsmöglichkeiten aus. Mehr als ein Dutzend Frauen und Männer – darunter auch einige jüngere Menschen – waren in die Räume des Al-Huleh e. V. in der Weisestraße gekommen. „Wir sind ein Generationentreffpunkt für jung und alt. Die Jüngeren sind gekommen, um den Älteren von unserem Vortrag zu berichten“, erklärte mir Tanana, die auch stellvertretende Vorsitzende des Vereins Al-Huleh ist.

Im Mittelpunkt des Auftaktvortrags standen grundsätzliche Fragen der politischen Bildung: „Was ist der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur?“, „Was ist Innenpolitik und was ist Außenpolitik?“, „Was ist eine repräsentative Demokratie?“, besprach Tanana mit ihren Zuhörern, zu denen auch ein ehemaliger Betriebsrat und eine Architektin gehörten. „Ihr habt ein Recht, euch politisch zu beteiligen. Wir müssen uns politisch selbst organisieren, damit wir unsere eigenen Interessen durchsetzen können“, ermunterte die Bezirksverordnete ihre Zuhörer und erläuterte die Grundzüge des Parlamentarismus von der Ebene des Bundestages bis hin zum Alltag der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung.

Der zweite Informationsnachmittag soll am 28. Februar stattfinden. Als Referent ist Erwin Bender, Vorsitzender der Seniorenvertretung Neukölln, eingeladen. Er wird über die Arbeit des Gremiums berichten. Die nächste Wahl der Seniorenvertretung wird zwar erst parallel zur Abgeordnetenhauswahl stattfinden, also voraussichtlich im September 2021. Wer genügend Ausdauer hat, kann in der Politik aber durchaus etwas erreichen. Bestes Beispiel: Die bundesweit erste Tagung zur Pflege arabischstämmiger Seniorinnen und Senioren fand in Neukölln im März 2019 statt – knapp fünf Jahre nachdem bei einem interkulturellen Seniorentag auf den besonderen Betreuungsbedarf älterer Migranten aufmerksam gemacht worden war.

Kontakt zum Projekt „Be Part“ in Neukölln über den Wohltätigkeitsverein Al-Huleh e. V.: Weisestr. 23, 12049 Berlin / Tel.: 030 / 621 49 59 / E-Mail: samira.tanana@al-huleh.de

=Christian Kölling=