„Was wäre, wenn die Neonazis an die Macht kämen?“, fragt die Theateraufführung „Nach wie vor – Widerstand“

Sechs junge Menschen aus Neukölln schlossen sich im Nationalsozialismus in der „Rütligruppe“ zu einem Widerstandskreis zusammen. Bei regelmäßigen Treffen diskutierten sie politische Schriften und setzten sich mit der Verteilung von Flugblättern für den Frieden ein. Das Little Blackfish Collective brachte die Geschichte der Widerstandsgruppe in Zusammenarbeit mit der Fritz-Karsen-Schule und dem Museum Neukölln in der Theaterproduktion „Nach wie vor – Widerstand“ im November erstmals auf die Bühne des Heimathafen Neukölln. Am vergangenen Wochenende wurden erneut zwei Abendauffühungen des Stückes im Hephata-Gemeindesaal an der Fritz-Reuter-Allee in Britz gezeigt. „Mitte Februar beginnt das Little Blackfish Collective ein neues Theaterprojekt, das voraussichtlich im Juni seine Premiere hat“, verriet mir Produktionsleiter und Regisseur Mehdi Moinzadeh-Hitze am letzten Sonntagabend.

„Was wäre, wenn die Neonazis an die Macht kämen?“ Um diese Frage kreist das Stück „Nach wie vor – Widerstand“ , dessen Handlung aus der Vergangenheit über die Gegenwart, in der es eine Serie rechtsextremer Anschläge in Neukölln gibt, den Bogen in eine beängstigende Zukunft spannt. Aus ehemaligen Schülern der Rütli-Schule in Neukölln ging nach dem Überfall auf Polen im September 1939 um Hans Joachim „Hanno“ Günther eine kleine Widerstandsgruppe gegen die NS-Diktatur hervor. Sie verfasste eine Serie von Flugschriften, die sie unter dem Titel das „Freie Wort“ in der Öffentlichkeit verbreitete. Darin forderte die Gruppe u. a. im September 1940: „Wir wollen einen gerechten und dadurch dauerhaften Frieden! Wir wollen die Freiheit der Meinung und des Glaubens! Deutscher! Bekenne Dich zu diesen Forderungen! Sprich mit zuverlässigen Kameraden über sie!“

Im Sommer 1941 geriet die Gruppe in die Fänge der Gestapo, die ihr im Zuge der Ermittlungen den Namen „Rütligruppe” gab. Schließlich wurden die vier männlichen Gruppenmitglieder am 3. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Mit einem Sprung in die Gegenwart und einem düsteren Ausblick in die Zukunft, in der eine rechtsradikale Partei ab 2025 die Macht übernimmt, Parteienverbote verhängt und bis zum Ausschluss Deutschlands aus der Nato im Jahr 2040 die Macht nicht wieder abgibt, setzt das Theaterstück die Geschichte fort. Allein zwischen Mai 2016 und März 2019 hat die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin insgesamt 55 Angriffe – Bedrohungen durch Graffitis an und in Wohnhäusern, Stein- und Farbflaschenwürfe durch Fenster und andere Sachbeschädigungen, Brandanschläge – erfasst und als rechtsextreme Angriffsserie mit dem Schwerpunkt Neukölln zusammengefasst. „Wie gehen Betroffene und Bevölkerung damit um? Und wie reagiert die Politik?“, fragten die jungen Schauspieler ihr Publikum im Saal und zeigten eine rundum gelungene Aufführung, die auf das neue Stück im kommenden Sommer neugierig macht.

=Christian Kölling=