Verleihung des 4. Neuköllner Kunstpreises mit einem nachdenklichen Blick zurück

„Neukölln ist Endstation. Die wenigen Studenten, die hier leben, verschweigen unter ihresgleichen so lange es geht, daß sie in diesem Stadtbezirk wohnen, und wenn sie es zugeben, fügen sie rasch hinzu: ‚Aber ich zieh‘ da bald weg!‘ Das Quartier hat keine attraktive Szene, kein nennenswertes alternatives Milieu, keine Subkultur.“ Bald 25 Jahre sind seit diesem Zitat vergangen, das aus einer reißerischen, aber facettenreichen und weiterhin im Internet zu findenden Reportage stammt, die der Journalist Peter Wensierski Ende Oktober 1997 im Magazin „Der Spiegel“ veröffentlichte. Kulturstadträtin Karin Korte nahm in ihrer Rede bei der Verleihung des 4. Neuköllner Kunstpreises ausdrücklich Bezug auf den Artikel, dessen Schlagzeile „Endstation Neukölln“ 20 Jahre später zum Krimititel wurde.

„Damals ging es Neukölln nicht wirklich gut“, sagte Korte am vergangenen Freitagabend zur Preisübergabe im Heimathafen Neukölln: „Ihr Künstler habt Neukölln wieder lebenswert gemacht. Es gibt heute ein ganz neues Neukölln, wo es auch Probleme gibt.“ Unterstützt wird der Kunstpreis seit Anfang an von der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft mbH, die auch andere Kultur- und Kunstprojekte in Neukölln finanziell fördert. Im Juni 1999 ging der Ex-Arbeiterbezirk gegen sein Negativimage mit dem Kunst- und Kultur-Festival 48 Stunden Neukölln, das damals mit 100 Veranstaltungen an 25 Spielorten eröffnet wurde, erstmals in die Offensive. 2002 folgte die regelmäßige Atelier-Tour „Nacht und Nebel“, deren Idee nach einer dreijährigen Pause 2017 wieder aufgegriffen wurde. „Wir arbeiten mitten in Neukölln und wir sind aus Neukölln“ sagte Anne Keilholz, Vertreterin der Stadt und Land in der siebenköpfigen Kunstpreis-Jury. Das Wohnungsunternehmen kauft als Sonderpreis stets einen Wettbewerbsbeitrag an.

Mehr als 170 Künstlerinnen und Künstler mit einem Atelierstandort oder Wohnsitz in Neukölln bewarben sich für den Neuköllner Kunstpreis 2020. Acht von ihnen wurden für den mit insgesamt 6.000 Euro dotierten Kunstpreis nominiert. Ihre Arbeiten werden seit Freitagabend mit einer Gruppenausstellung in der Galerie im Saalbau gewürdigt.

Als Sonderpreis kaufte Stadt und Land in diesem Jahr die Nähcollage „Sweatshop“ von Katrin Hoffert an. Die Künstlerin setzt sich in ihrer Arbeit mit den Mechanismen der globalen Textilindustrie auseinander und reflektiert ihr eigenes sowie unser aller Konsumverhalten. Den 3. Preis erhielt Vanessa Endriquez für „Variations on Line n. 8“. Mit akkurat an Wand und Boden gesetzten Linien aus VHS-Tape regt die Installation dazu an, multidimensionale Gedankenräume aus unzähligen Perspektiven zu entdecken. Mit ihrer kinetischen Skulptur „Zwei Machthabende und 98 Individuelle“ errang Jinran Ha den 2. Platz. Zwei gleiche Ventilatoren stehen einander gegenüber und versetzen 98 identische Kleiderbügel an einem Kleiderständer in wellenartige Bewegung. So veranschaulicht die Künstlerin gesellschaftliche Prozesse zwischen Autorität, Gehorsam und Beeinflussung. Der mit 3.000 Euro dotierte erste Platz ging an Catherine Evans. Ihre Installation „Standing Stone“ zeigt ein fragiles Gleichgewicht aus Steinen und Stangen, Schweben und Schwere, Körper und Linie. „Eine Metapher für die Existenz der Künstlerin sowie für das Leben schlechthin“, befand die diesjährige Jury des Kunstpreises.

Die Ausstellung der Werke für den Neuköllner Kunstpreis 2020 wird bis zum 29. März in der Galerie im Saalbau (Karl-Marx-Str.141) gezeigt; Öffnungszeiten: täglich 10 – 20 Uhr.

=Christian Kölling=