„Die Nazi-Diktatur ist der tiefste moralische Absturz einer Kulturnation gewesen“

Auschwitz – keine Metapher drückt wohl knapper den Schrecken von Völkermord und staatlichem Terror, die furchtbarste Antithese der Humanität und Demokratie aus. Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die sowjetische Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Im BVV-Saal des Rathaus Neukölln fand aus diesem Anlass gestern Nachmittag eine Feierstunde statt. Ein Streicher-Quartett der Musikschule Neukölln eröffnete das Gedenken mit dem prominenten Trauerfeierstück „Adagio for Strings op. 11“ von Samuel Barber.

BVV-Vorsteher Lars Oeverdieck hob einleitend die Bedeutung des Gedenktages hervor, der 1996 auf Initiative des Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt wurde. Oeverdieck erinnerte im Weiteren an die Spuren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Neukölln, die u. a. auf dem Neubaugelände der Clay- Oberschule in Rudow zu finden sind. Auf einem rund 2 Hektar großen Areal waren dort zwischen 1939 und 1945 bis zu 1.500 Frauen und Männer in den Zwangsarbeiterlagern Rudow I – III untergebracht.

Neben Oeverdieck saßen auf den Plätzen des Bezirksamtes auch Bezirksbürgermeister Martin Hikel sowie Stadträtin Karin Korte und Stadtrat Jochen Biedermann. In einer bewegenden, persönlich gehaltenen Rede begründete Hikel, warum er Verantwortung dafür trage, dass der Nationalsozialismus in Deutschland sich nie mehr wiederhole, auch wenn ihn keine persönliche Schuld an der Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 trifft. „Die Deportationen fanden nicht abseits der Öffentlichkeit statt. Sie sind bewusst nicht im Verborgenen geschehen. Es darf nie wieder einen Grund dafür geben, Menschen zu entmenschlichen!“, sagte Hikel und fügte hinzu: „Hätten alle Widerstand geleistet, die nach 1945 behaupteten, dass sie immer gegen die Nazis gewesen seien, dann wäre es nicht zum Holocaust und wahrscheinlich auch nicht zum Zweiten Weltkrieg gekommen.“

Bezirksstadträtin Karin Korte hob die Arbeit des Museums Neukölln hervor, das in mehr als drei Jahrzehnten Beachtliches zur Erforschung des jüdischen Lebens in Neukölln geleistet habe. Die Gedenkveranstaltung wird von der Ausstellung „Ausgestoßen und verfolgt – Die jüdische Bevölkerung während des Nationalsozialismus in Neukölln“ des Museums Neukölln begleitet. Im Zentrum der Ausstellung, die bereits einmal im Februar 2014 in Neukölln gezeigt wurde, stehen Erfahrungen und Schicksalswege von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die von den Nationalsozialisten als Jüdinnen und Juden oder „Halbjuden“ diffamiert wurden. Beginnend mit der im Alltag erfahrenen Ausgrenzung ab 1933 bis hin zur Deportation in Konzentrationslager wie Auschwitz wird ein zeitlicher Bogen von 1933 bis 1945 gespannt. Parallel zu den persönlichen Erfahrungen werden ausgewählte staatliche Gesetze und Verordnungen, die der NS-Staat zur Umsetzung seiner rassistischen Politik angewendet hat, für jedes Jahr aufgelistet.

Korte wies neben den Aktivitäten ihres Kulturressorts auch auf die Arbeit des Schulbereiches hin. Erst kürzlich sei für ganz Berlin ein Schulkonzept zur Antisemitismus-Prävention erstellt worden. “Antisemitische Beleidigung und Vorfälle sind auch in Neuköllner Schulen viel zu lange überhört und übersehen worden“, beklagte die Schulstadträtin. „Wir können etwas tun, um uns den Anfängen entgegenzustellen. Wehret den Anfängen! Die Nazi-Diktatur ist der tiefste moralische Absturz einer Kulturnation gewesen“, so Korte. Schülerinnen und Schüler des Wahlpflichtkurses „Gesellschaftswissenschaften“ der Fritz-Karsen-Schule lasen anschließend kurze Texte von Zeitzeugen. Die Gedenkstunde endete mit einem Stück des tschechische Pianisten und Komponisten Gideon Klein http://gideonklein.cz/gmuvod.htm , der 1919 in Perov geboren wurde. Als einer der ersten Juden wurde er Ende 1941 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und später in ein Außenlager von Auschwitz verschleppt. Am 27. Januar 1945, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, ermordete ihn die SS.

Die Ausstellung „Ausgestoßen und verfolgt – Die jüdische Bevölkerung während des Nationalsozialismus in Neukölln“ ist bis zum 9. Februar im Rathaus Neukölln (Karl-Marx-Straße 83, 1. OG).  Anschließend wird sie in den Neukölln Arcaden und danach in der Helene-Nathan-Bibliothek gezeigt.

Zur Ausstellung ist eine Broschüre erschienen, die speziell für die pädagogische Arbeit mit Schülern geeignet ist. Kontakt: museumslehrer@museum-neukoelln.de

=Christian Kölling=