Videoinstallation im Museum Neukölln lässt acht Kriegskinder zu Wort kommen

Eine ausführliche Vorab-Berichterstattung in den großen Berliner Medien und rund 200 Gäste bei der Vernissage am Freitagabend im Gutshof Britz: Das Museum Neukölln hat mit der Videoinstallation „Kriegskinder“ von Ina Rommee in Kooperation mit Fotograf und Kameramann Stefan Krauss ganz augenscheinlich den Nerv der Öffentlichkeit getroffen. Acht Neuköllner Zeitzeugen der Jahrgänge 1929 bis 1938 erzählen in Videoclips über ihre Kindheitserlebnisse während des Zweiten Weltkriegs und den ersten Jahren danach. 1945 waren sie zwischen sieben und 17 Jahre alt und erzählen emotional, aber auch manchmal erschreckend nüchtern, was sie als Kinder oder Jugendliche in Berlin erlebt haben. Die 45-minütige Videoinstallation erzeugt ein Gefühl der Unmittelbarkeit und der Präsenz im Vorführungsraum. Ähnlich wie bei einer Konferenz scheinen sich die Neuköllner Kriegskinder gegenseitig zuzuhören und mit ihren Geschichten aufeinander zu reagieren, aber im Wesentlichen richten sich ihre Mitteilungen an die nachfolgende und junge Generation.

„Viele Deutsche haben das als Kapitulation erlebt“, bewertete Kultursenator Klaus Lederer in seinem Grußwort bei der Ausstellungseröffnung den 8. Mai 1945, dessen 75. Wiederkehr im Land Berlin in diesem Jahr ein gesetzlicher Feiertag ist. Karin Korte, Bezirksstadträtin für Bildung, Schule und Kultur, erinnerte daran, dass heute wieder viele Kinder aus Kriegsgebieten in Neukölln leben. „Die Kinder bekommen zu wenig Hilfe. Wahrscheinlich wird in den Familien viel verschwiegen“, mahnte Korte.

Parallel zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm mit einer Lesung und der Voraufführung des Films „Kinder der Blockade“ von Ina Rommee und Stefan Krauss. Im Februar startet außerdem der – allerdings bereits ausgebuchte – Workshop „Gefühlserbschaften“, der sich u. a. damit beschäftigt, in welcher Weise kollektive Geschichten und Familienvergangenheiten ineinander übergehen und welche Gefühlserbschaften auch die Nachgeborenen mit sich herumtragen.

Donnerstag, 16. Januar, um 19 Uhr im Museum Neukölln: „Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin“ / Lesung von Géraldine Schwarz: Die französisch-deutsche Journalistin Géraldine Schwarz sieht sich eines Tages damit konfrontiert, dass ihr Großvater 1938 eine Firma durch „Arisierung“ erwarb. Sie hatte ihn nie für einen überzeugten Nazi gehalten, aber sein Vorgehen zeigt: Er war zumindest Nutznießer der fortschreitenden Entrechtung der Jüdinnen und Juden nach 1933. Ausgehend von der Reflexion über die Rolle der eigenen Familie in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet die Autorin in ihrem viel beachteten Buch den gesellschaftlichen Umgang mit der Vergangenheit in Frankreich und Deutschland über mehrere Generationen.

Sonntag, 26. Januar, um 11:30 Uhr im Museum Neukölln: „Kinder der Blockade“ / Preview des Films von Ina Rommee und Stefan Krauss (Länge 55 min., Originalfassung mit Untertitel): Neun Überlebende der Leningrader Blockade berichten über ihre ganz persönlichen Erinnerungen während der Belagerung Leningrads vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 durch die deutsche Wehrmacht.
Anschließende Diskussionsrunde mit Ina Rommee, Stefan Krauss, Prof. Dr. Jörg Echternkamp (Historiker) und Dr. Natalja Jahn (Zeitzeugin), Moderation: Eric Denis Strohmeier (Historiker)

Der Eintritt für beide Veranstaltungen ist frei.

=Christian Kölling=