Galerie im Körnerpark zeigt zeitgenössische Kunst- und Kulturproduktionen aus Guatemala

Bald ein Vierteljahrhundert ist es her, dass in Guatemala am 29. Dezember 1996 ein Friedensvertrag formell den 36-jährigen Bürgerkrieg beendete. Doch bis heute sind die Ursachen des Bürgerkrieges, der in dem bevölkerungsreichsten Land Zentralamerikas seit 1960 herrschte und weit mehr als 200.000 Menschen das Leben kostete, längst nicht überwunden: Hohe soziale Ungleichheit und weitverbreitete Armut bestehen in Guatemala ebenso fort, wie eine starke Polarisierung der Gesellschaft. Vor allem die indigene Bevölkerung ist in Politik, Verwaltung und Wirtschaft des Vielvölkerstaates stark unterrepräsentiert. “Mehr als die Hälfte der guatemaltekischen Bevölkerung lebt in Armut, insbesondere indigene Bevölkerungsgruppen.

Auf dem aktuellen Index der menschlichen Entwicklung HDI belegt Guatemala nur Rang 126 von insgesamt 189 Staaten“, schreibt das Bundesministerium für Zusammenarbeit auf seiner Webseite. Prägend für die guatemaltekische Wirtschaft sind der Agrarsektor, der Verkauf heimischer Rohstoffe wie Nickel, Gold und Erdöl sowie die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus. Guatemala ist wegen seiner vielen erhaltenen Tempelanlagen aus der Zeit der Maya seit jeher ein attraktives Reiseziel, auch wenn eine angespannte Sicherheitslage und die teilweise desolate Infrastruktur den Tourismus nicht begünstigen.

„This might be a place for humming birds“ (Dies könnte ein Ort sein, an dem die Kolibris summen) lautet der Titel der Ausstellung, die seit Mitte November in der Galerie im Körnerpark zu sehen ist. Ausgehend von zeitgenössischen Kunst- und Kulturproduktionen, die in Guatemala entstanden sind, beschäftigt sich die von Çağla Ilk und Antje Weitzel kuratierte Ausstellung mit Kolonialismus und Rassismus, Gewalt und Trauma, Gender und Identität. Im Vordergrund stehen Fragen nach Frauenrechten, Migration, sozialer Gerechtigkeit, Umweltschutz und den bis heute fortwirkenden Folgen der Kolonialgeschichte, die 14 Künstlerinnen und Künstler mit ihren Arbeiten eindringlich thematisieren.

Regina José Galindo bearbeitet mit ihrer Performance und Fotoserie „Presencia“, von der sieben Aufnahmen in der Galerie im Körnerpark gezeigt werden, die in Guatemala alltägliche Gewalt gegen Frauen. Für diese Arbeit schlüpft Galindo in die Kleider ermordeter Frauen. Jedes der Kleider ist eine Leihgabe der Familie der Ermordeten. Die Angehörigen sehen darin ihre Erinnerung an den geliebten Menschen manifestiert, wird im Begleitmaterial der Performance erklärt. Die Künstlerin sagt über die Arbeit: „‚Presencia‘ ist ein Projekt, das seine Energie von diesen Frauen bezieht, die man zum Verstummen gebracht hat. Auf diesen Weise wollen wir sie wieder zurückfordern, über sie sprechen und ihr Leben in Ehren halten.“ Mit ihrer Arbeit bezieht Galindo unmissverständlich Stellung gegen die hohe Zahl von Feminiziden in Guatemala und gegen eine Kultur der Misogynie, die als globales Problem auch über Guatemala hinaus anzutreffen ist.

Edgar Calel, der für seine künstlerische Arbeit die Geburtsurkunden von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten zusammengetragen hat, beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Migration und Identität. Aus den gesammelten Urkunden schnitt Calel die Formen verschiedener Häuser heraus. Die beschädigten Geburtsurkunden und die Hausformen werden auf zwei Wänden der Galerie direkt gegenüber gestellt, um die politisch und historisch bedingte Migration indigener Menschen in die Hauptstadt künstlerisch zu verarbeiten. „Gleichzeitig klingt in der Arbeit auch die Fortwährende Vertreibung der indigenen Bevölkerung von ihrem Land an, die bis heute anhält, und auch das Verschwinden vieler Maya, die während der Militärdiktatur Massakern zum Opfer fielen“, wird im Begleittext erklärt.

Die Visitenkarte der Marilyn Elany Castillo Novella ist schließlich ein Ausstellungstück, das auf eine Intervention der Künstlerin Marilyn Boror verweist. Viele indigene Guatemaltekinnen und Guatemalteken ändern ihre Nachnamen, wenn sie vom Land in die Stadt ziehen. Boror folgte bei ihrer künstlerische Intervention diesem Beispiel und wählte für ihre zweite Identität die Nachnamen der beiden einflussreichsten Familien in Guatemala aus, die Castillo und Novella heißen.

„This might be a place for humming birds“ ist bis zum 5. Februar 2020 in der Galerie im Körnerpark (Schierker Str. 8) zu sehen; Öffnungszeiten: täglich 10 – 20 Uhr.

Informationen zu Vorträgen, Diskussionen, Filmvorstellungen und Workshops mit Künstlern der Ausstellung und weiteren Gästen, die im Januar und Februar 2020 stattfinden, sind in Kürze auf der Webseite des Kulturamtes Neukölln http://www.kultur-neukoelln.de zu finden,

=Christian Kölling=