„Wir geben die raren Industriearbeitsplätze nicht auf: Wir fordern eine Perspektive für Haupt Pharma!“

Rund 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Britzer Unternehmens Haupt Pharma Berlin GmbH bangen seit September um ihre Arbeitsplätze: Damals beschloss der Aufsichtsrat der Aenova Group, ein Pharmakonzern der durch die Apollo 5 GmbH mit Sitz in Starnberg gehalten wird und zum Portfolio der Private Equity Investments BC Partners gehört , den Betrieb in der Moosrosenstraße zum 31.12.2020 komplett zu schließen. Zu einer „politischen Frühstückspause“ versammelten sich deshalb die Beschäftigten am Dienstagvormittag wieder vor dem Werkstor an der Moosrosen-/Gradestraße.

Die erste „politische Frühstückspause“ Anfang Dezember sorgte bereits für Aufmerksamkeit und mobilisierte einige Unterstützung: So verabschiedeten die Fraktionen von SPD, CDU, Grünen, Linken sowie die Gruppe der FDP gemeinsam in der Dezember-Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln eine Entschließung für den Erhalt des über 80 jährigen Traditionsunternehmens. „Die BVV fordert die AENOVA Group auf, insbesondere vor dem Hintergrund der Versorgungskrise mit Arzneimitteln und Medikamenten ein tragfähiges Konzept zu entwickeln, die Haupt Pharma Berlin GmbH zu erhalten und den Standort zu sichern.Das Bezirksamt wird bei seinen Bemühungen unterstützt, auch in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Kontakt mit der Firmenleitung der AENOVA Group aufzunehmen und sich für den Erhalt des Neuköllner Unternehmens und der Arbeitsplätze einzusetzen“, heißt es in der Entschließung.

„Ich habe meine Ausbildung in der chemischen Industrie bei einem mittelständischen Unternehmen gemacht. Ich bin heute zur Kundgebung gekommen, weil ich die Verantwortung des Unternehmens betonen will“, sagte mir Elfriede Manteuffel von der CDU-Fraktion des Neuköllner Bezirksparlaments. Die Kommunalpolitikerin denkt dabei sowohl an den Erhalt der Arbeitsplätze in Britz, als auch an die Versorgungssicherheit mit Medikamenten. „Gegenüber Arzneimitteln ‚made in Europe‘ sind die Hygiene- und Sicherheitsüberprüfungen der Medikamente aus Billiglohnländern wie China oder Indien nur schwach“, erklärte mir Manteuffel mit Verweis auf Medienberichte. Lieferengpässe bei Arzneimitteln haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Von 40 Meldungen im Jahr 2015 stieg die Zahl bis auf 268 Meldungen im vergangenen Jahr, ging kürzlich im Bundestag aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion hervor.

Auch die Neuköllner Fraktionsvorsitzenden von Grünen und Linken, Bernd Szczepanski (l.) und Thomas Licher, die schon zum ersten „politischen Frühstück“ gekommen waren, sowie die Verordneten Marlis Fuhrmann und Dr. Christian Hoffmann nahmen an der Kundgebung teil. Aus dem Abgeordnetenhaus war die Britzer Wahlkreisabgeordnete Derya Çağlar (r.) von der SPD erschienen, um den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihre Unterstützung zuzusichern.

Elke Swolinski, Gewerkschaftssekretärin der IG BCE, und Siegfried Stolz, Vorsitzender der IG BCE Ortsgruppe Neukölln, äußerten großes Unverständnis, dass die Unternehmensleitung die laufenden Verhandlungen mit dem Betriebsrat über die Aufstellung eines Sozialplanes bzw. über einen Interessenausgleich zur Vereinbarung von Abfindungszahlungen am 4. Dezember für beendet erklärte. „Es ist unüblich, dass die Arbeitgeberseite diese Verhandlungen abbricht. Wir erwarten nach wie vor, dass die Arbeitgeber verantwortungsvoll mit der Lage umgehen und an den Verhandlungstisch zurückkehren. Wir müssen über ein Reorganisationskonzept reden“, sagte Stolz und fügte an: „Wir geben die raren Industriearbeitsplätze nicht auf.“

Die Beschäftigten hoffen, dass noch ein Käufer für ihren Betrieb gefunden wird, sodass die drohende Schließung abgewendet werden kann. „Wir kämpfen für den Erhalt des Standortes in Berlin – wir fordern eine Perspektive für Haupt Pharma Berlin!“, sagte Gewerkschaftssekretärin Swolinski. „Wir helfen euch, einen Käufer zu finden. Es kommt darauf an, dass jetzt jemand den Betrieb kauft, um die Arbeitsplätze bei Haupt Pharma zu erhalten“, versprach Stolz. „Wir unterstützen das uneingeschränkt. Wir setzen uns für den Erhalt eurer Arbeitsplätze ein“, erklärte auch Roghieh Ghorban, Organisationssekretärin beim DGB Berlin, stellvertretend für Regionsgeschäftsführer Heiko Glawe.

Nachdem erst im Frühsommer der Tabakkonzern Philip Morris die Schließung seines Werkes für Anfang 2020 ankündigte, die 950 der insgesamt 1050 Arbeitsplätzen betrifft, wäre die Schließung des Britzer Unternehmens Haupt Pharma ein weiterer schwerer Schlag für den Industriestandort Neukölln.

=Christian Kölling=