„Nur eine Frau“: ein cineastisches Denkmal für Hatun Sürücü

Drei Kopfschüsse, abgegeben von ihrem jüngsten Bruder, beendeten am 7. Februar 2005 nahe einer Bushaltestelle in der Oberlandstraße im Bezirk Tempelhof das Leben von Hatun Sürücü. Gut ein Jahr später, am 13. April 2006, wurde der Bruder für den Mord an der 23-Jährigen zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt. „Hier wurde Hatun Sürücü am 7. Februar 2005 ermordet, weil sie sich Zwang und Unterdrückung ihrer Familie nicht unterwarf, sondern ein selbstbestimmtes Leben führte. Zum Gedenken an sie und die weiteren Opfer von Gewalt gegen Frauen in dieser Stadt“, steht auf dem Gedenkstein, der im Juni 2008 am Tatort eingeweiht wurde.

Dank Sandra Maischberger und dem von ihr gegründeten Verein Vincentino, der seit rund 10 Jahren schwerpunktmäßig in Kreuzberger und Neuköllner Schulen Projekte initiiert, wurde Hatun Sürücü nun ein weiteres Denkmal gesetzt. Zum Tag der Gewalt an Frau, am vergangenen Montag, wurde das Werk mit dem Titel „Nur eine Frau“ vor knapp 300 Jugendlichen im Cineplex-Kino gezeigt. „ich wollte den Stoff verfilmen, weil ich seit 20 Jahren in Berlin lebe und es unerträglich finde, dass in dieser Stadt so etwas passiert“, begründete Maischberger ihre Motivation als Produzentin.

Unter der Regie von Sherry Hormann und durch das Drehbuch von Florian Oeller entstand ein 90-minütiger Film, der die Zuschauer ohne Schwarz-Weiß-Malerei und Wertungen mitten in das Leben von Hatun Sürücü katapultiert und ihr mit der Schauspielerin Almila Bagriacik eine authentische physische Präsenz und Stimme gibt. Aufgewachsen in einem strammen Korsett von Traditionen, die so gar nicht zum Alltag in Kreuzberg passen, pendelt die lebenslustige, selbstbewusste Tochter sunnitischer Kurden zwischen Parallelwelten hin und her. Im Sommer 1997, als die Gymnasiastin 15 ist, setzt ihr Vater dem ein Ende: Er meldet sie von der Schule ab, fährt mit ihr in die Türkei und zwingt sie zur Ehe mit einem neun Jahre älteren Cousin. Mit der Hochzeit hätten ihre Besitzer gewechselt, zuerst sei sie Eigentum des Vaters gewesen und anschließend ihres Ehemanns, resümiert Hatun Sürücüs Alter Ego Aynur im Film.

Nicht mal zwei Jahre später steht sie wieder bei ihren strenggläubigen Eltern und den acht Geschwistern in Kreuzberg vor der Tür: hochschwanger und mit Indizien, die auf eine körperliche Misshandlung durch den Ehemann hinweisen. Als sie im Oktober 1999 mit ihrem inzwischen fünf Monate alten Sohn Can aus der Familienwohnung in ein Wohnheim für minderjährige Mütter umzieht und sich Schritt für Schritt wieder in ihr emanzipiertes Leben ohne Kopftuch erkämpft. Sie holt ihren Schulabschluss nach, macht eine Ausbildung als Elektroinstallateurin und genießt die Freiheit ohne traditionelle Fesseln – vor allem zum Missfallen ihres jüngsten Bruders. Trotz Beschimpfungen und massiver Bedrohungen gelingt ihr das völlige Loslösen von der Familie allerdings nicht.

„Ich war das Opfer des ersten Ehrenmords, der so richtig fett Presse hatte“, lässt der Drehbuchautor Florian Oeller die Hauptdarstellerin im Film sagen. Dass Ehrenmorde nicht ausschließlich ein muslimisches Problem seien, dort aber durchaus ihren Schwerpunkt hätten, betonte Asmen Illhan vom Projekt HEROES – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre bei der anschließenden Podiumsdiskussion. „Weil Intervention, das heißt das Rausholen aus der Situation, sehr schwierig ist, ist Prävention umso wichtiger.“ Zugleich räumte er mit dem Klischee auf, dass nur Mädchen von Zwangsheiraten betroffen seien. Mit 570 Fällen im Jahr 2017 bezifferte die Neuköllner Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler die Zahl der unfreiwilligen Ehen allein in Berlin.

Noch erschreckender ist das statistisch erfasste Ausmaß an sogenannter Partnerschaftsgewalt. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 114.393 Frauen und 26.362 Männer Opfer versuchter und vollendeter Gewalt (Mord und Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexuelle Übergriffe, Bedrohung, Stalking, Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution), teilte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey zum Start der neuen Initiative „Stärker als Gewalt“ mit: „Mehr als ein Mal pro Stunde wird statistisch gesehen eine Frau durch ihren Partner gefährlich körperlich verletzt.“ 122 Frauen starben 2018 an den Folgen.

Der Film „Nur eine Frau“ ist als DVD oder Video-on-demand erhältlich, für Schulvorführungen steht zudem umfassendes Unterrichtsmaterial zum Download bereit.

Hilfe und Rat für von Gewalt Betroffene und ihr Umfeld gibt es beim bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Nummer 08000 116 016 rund um die Uhr, anonym, kostenlos und in 17 Sprachen.

=Gast=

Eine Antwort

  1. Schöner Beitrag! Herzlichen Dank, Ulla Giesler für Vincentino eV

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