„Es ist nicht alles schlecht in der Sonnenallee“: Aktion „Sicherheit-Geborgenheit-Neukölln“ setzt Zeichen

„Passt auf, dass die Sonnenallee nicht zu einem homophoben Hotspot wird“, warnte eine Mitarbeiterin des Staatsschutzes der Berliner Polizei bereits vor längerer Zeit die Neuköllner Wahlkreisabgeordnete Anja Kofbinger, die auch Queerpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Landesparlament ist. Eine Warnung, deren Berechtigung sich spätestens im April 2018 erwies, als ein homosexueller Syrer von einer 15-köpfigen Gruppe in der Sonnenallee mit einem Messer verletzt und beraubt wurde. „Angriffe auf Lesben, Schwule und Transsexuelle häufen sich in Berlin: Allein zwischen 2015 und 2016 ging die Zahl der homo- und transphoben Übergriffe und Gewalttaten von 259 auf 291 in die Höhe“, beklagten mehrere Hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Demonstration, die kurz darauf vom S-Bahnhof Sonnenallee bis zum Hermannplatz über die auf längeren Abschnitten von arabischen Geschäften geprägte Einkaufsstraße führte. Und ein Tuntenspaziergang, der zwei Wochen später von der Anzengruber- über die Karl-Marx-Straße und das Rathaus Neukölln durch die Sonnenallee zum Hermannplatz zog, unterstrich die steigende Gefahr gewalttätiger Übergriffe gegen Schwule, Lesben, Transpersonen und alle anderen Menschen in Nord-Neukölln.

Um Beschimpfungen, Bedrohungen und Angriffen entgegenzuwirken, die rund um die Sonnenallee fast ausschließlich junge Männer unterschiedlichster Herkunft begehen, fanden sich vor einem Jahr mehrere Aktive zu einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis zusammen: der Imam Mohamed Taha Sabri von der Neuköllner Begegnungsstätte e. V. , der Geschäftsmann Mansour Azzam als Vertreter einer Selbstorganisation Gewerbetreibender an der Sonnenallee, der Neuköllner Integrationsbeauftragte Jens Rockstedt, die Unternehmensberaterin Ina Rathfelder vom Stadtteilmanagement Sonnenallee sowie die Wahlkreisabgeordneten Dr. Susanna Kahlefeld und Anja Kofbinger.

Am Donnerstagvormittag stellte die Initiative ihre Kampagne „Sicherheit-Geborgenheit-Neukölln“ in der Pizzeria Alte Forno an der Hobrechtstraße/Sonnenallee der Öffentlichkeit vor. Nach dem Vorbild der „Aktion Noteingang“ bekunden augenblicklich schon 60 Läden, Moscheen, Initiativen und Vereine rund um die Sonnenallee mit gut sichtbaren Aufklebern an ihren Türen und Fenstern, dass sie Gewalt ablehnen und Betroffenen bei Angriffen Schutz bieten. Die drei Piktogramme, die auf den Aufklebern zu sehen sind und die Diversität der Passanten andeuten, seien mit allen Beteiligten abgestimmt. Ebenso wie die „Aktion Noteingang“ solle die Aktion nicht parteipolitisch vereinnahmt werden, sondern von allen beteiligten Akteuren gleichermaßen getragen werden, betonten Kahlefeld und Kofbinger.

Alle Menschen sollen sich in Neukölln sicher und geborgen fühlen. Wenn jede Person ihren Beitrag leistet und anderen Menschen hilft, dann gibt es hier keinen Platz mehr für Gewalt“, sagte Mansour Azzam, Geschäftsmann und Inhaber mehrer Geschäfte in der Sonnenallee, zum Auftakt der Kampagne. Dr. Shadi Mousa, Vorstandsvorsitzender des Neuköllner Begegnungsstätte e. V. bekräftigte: „Gemeinsam setzen wir ein Zeichen gegen jegliche Formen von Gewalt und Diskriminierung. Gemeinsam stehen wir für eine Gesellschaft, in der sich alle Menschen wohl fühlen und ohne Angst und Anfeindungen verschieden sein können.“

„Als Integrationsbeauftragtem des Bezirksamts Neukölln ist es mir eine Herzensangelegenheit das Projekt ‚Sicherheit-Geborgenheit-Neukölln‘ zu unterstützen, da es die Chance bietet die Sonnenallee zu einem Beispiel gelungener Integration zu machen“, erklärte Jens Rockstedt. Ina Rathfelder, die zusammen mit ihrem arabischsprechenden Kollegen Refat Abusalem bereits seit drei Jahren die Kleinunternehmer der Sonnenallee in ihren Geschäften aufsucht und bei Bedarf berät, hob hervor: „Diese Kampagne zeigt das Beste an Neukölln: Zusammenhalt und Kreativität von jung und alt, egal woher. Davon muss es mehr geben und darum engagiere ich mich.“ Zufrieden fügte sie hinzu: „Es ist nicht alles schlecht in der Sonnenallee.“

=Christian Kölling=