Neukölln diskutiert Investorenpläne für die Zukunft von Karstadt am Hermannplatz kontrovers

Dunkle Wolken zogen im Juli 2014 über dem Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz auf: Seinerzeit befürchteten altgediente Mitarbeiter den Verlust ihrer Arbeitsplätze, weil bekannt wurde, dass der damalige Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen mit dem österreichischen Unternehmer René Benko über den Verkauf der Warenhauskette verhandelt. Inzwischen ist unter der Regie von Benkos Signa-Holding, zu der die Sparten Retail (Einzelhandel) und Real Estate (Immobilien) gehören, nach der Fusion von Karstadt und Kaufhof die größte Warenhauskette Europas entstanden. Derzeit sind am Hermannplatz rund 250 Mitarbeiter bei Karstadt sowie über 100 weitere Arbeitnehmer in den Filialniederlassungen anderer Unternehmen – u. a. Post, Buchhandlung, Drogeriemarkt und Apotheke – beschäftigt. Frei von Zukunftsängsten sind die Beschäftigten aber weiterhin nicht und in der Fachwelt wird das Kaufhaus an sich oft zum Auslaufmodell erklärt.

Im Rathaus Kreuzberg stellte im Mai dieses Jahres die Signa-Gruppe den Bezirksverordnete ihre rund eine halbe Milliarde Euro schweren Pläne zum Bau eines neuen Karstadt-Hauses am Hermannplatz vor. Auch aus dem Nachbarbezirk Neukölln waren Kommunalpolitiker von SPD, CDU, Grünen und Linken sowie Mitarbeiter des Stadtentwicklungsamtes in den großen Rathaus-Saal gekommen, um sich anzuhören, was am Hermannplatz – dem Tor Neuköllns, von dem die drei Magistralen des Bezirkes abgehen – einmal entstehen soll. Die Signa-Vertreter kündigten an, dass sie das Kaufhaus-Gebäude, das zum Zeitpunkt seiner Errichtung 1929 das modernste und mit 72.000 Quadratmetern eines der größten Europas war, komplett abreißen und im Stil des historischen Karstadt-Warenhauses einen Neubau mit aufgestockter Bruttogeschossfläche errichten wollen. Neben den bisherigen Angeboten, die Karstadt und die Filialniederlassungen anderer Unternehmen machen, wollen die Signa-Entwickler vor allem Flächen für Büros, Wohnungen, Hotel, Sport und lokale Institutionen wie Vereine oder soziale Einrichtungen schaffen. Die Kaufhausfläche des Neubaus soll auf 17.000 bis 20.000 Quadratmeter schrumpfen, gaben die Investoren im Bauauschuss von Friedrichshain-Kreuzberg an, während die Fläche für die übrigen Nutzungen mindestens 80.000 Quadratmeter betragen solle.

Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg Florian Schmidt durchkreuzte Ende August zunächst die ehrgeizigen Pläne der Signa-Gruppe am Hermannplatz, weil er kein Planerfordernis für die Aufstellung eines Bebauungsplanes zum Abriss und Neubau des Karstadt am Hermannplatz erkennen konnte.

Doch mit dem Bescheid des Grünen Bezirksstadtrates ist die Diskussion über Signas Investorenpläne längst nicht beendet. „Welche Zukunft hat das Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz?“, fragte die Abteilung Rixdorf der SPD Neukölln und lud am vergangenen Dienstagabend zur Diskussion in die Saarbach Café-Galerie im Reuterkiez. „Die SPD Neukölln begrüßt grundsätzlich die Sanierung und den Umbau des Karstadt am Hermannplatz und hat dazu im September einen Beschluss auf ihrer Kreisdelegiertenversammlung gefasst“, informierte einleitend der stellvertretende Abteilungsvorsitzende und Bezirksverordnete Marko Preuß die Gäste, zu denen fast ausschließlich politisch engagierte Sozialdemokraten aus Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg gehörten. Die Landesparlamentarierin Nicola Böcker-Giannini moderierte das Gespräch zwischen Bezirksbürgermeister Martin Hikel, Nils Busch-Petersen, dem Hauptgeschäftsführer Handelsverband Berlin-Brandenburg, sowie Timo Schramm, Sprecher der Projektgruppe Mieten und Wohnen der Neuköllner SPD und Beisitzer für Wirtschaft im Vorstand der Abteilung Rixdorf.

Während Busch-Petersen (r.) die Neubaupläne entschieden befürwortete und dabei Bezirksbürgermeister Hikel ebenso wie die überwältigende Mehrheit der Anwesenden auf seiner Seite hatte, brachte Schramm grundlegende Kritikpunkte vor. „Es muss eine Aufwertung am Hermannplatz stattfinden, aber nicht auf Kosten der Menschen“, hielt Hikel u. a. Schramm entgegen und stellte aus seiner Sicht fest: “Die Position ‚mit den Leuten von Signa wollen wir überhaupt nicht reden‘ finde ich sowas von falsch. Am Ende kommt es darauf an, was innendrin im Karstadt Gebäude passiert.“ Unterstützung gab es dafür von der SPD in Friedrichshain-Kreuzberg. „Ich bin fürs Verhandeln. Ich glaube, wir haben Möglichkeiten“, bekräftigte Dr. Peter Beckers, Bezirksverordneter der SPD-Fraktion aus Friedrichshain-Kreuzberg, zum Abschluss der Diskussion.

Ganz auf Opposition waren dagegen die Aktiven der Initiative Hermannplatz eingestellt, deren „Infoveranstaltung gegen Investoren-Pläne am Hermannplatz“ einen Abend später gut 100 Gäste im Jugendclub Manege in der Rütlistraße besuchten. „Wir lehnen Signa grundlegend ab. Wir können und wir wollen nicht mit denen sprechen. Wir brauchen Signa nicht!“, sagte Bahman Wardasbi von der Initiative. Grundsätzlich befürchten die Aktiven weitere Verdrängung, steigende Gewerbemieten und noch höhere Wohnungsmieten im Graefekiez und im Reuterkiez in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hermannplatz.

Auch in der BVV Neukölln wird die Kontroverse um die Investorenpläne am Hermannplatz weiter ausgetragen werden. „Welche Ziele verfolgt Neukölln im Rahmen der Städtebauförderung für die Karl-Marx-Straße und angrenzende Quartiere wie Funktion als bezirkliches Hauptzentrum/„Aktive Stadtzentren“, Quartiersmanagement/„Soziale Stadt“ sowie Sanierungsgebiete/Stadterneuerung, Soziale Erhaltungsgebiete und stehen diese mit den Planungen eines Karstadtquartiers im Einklang?“, will die Bezirksverordnete Marlis Fuhrmann (Die Linke) in einer Anfrage für die Bezirksverordnetenversammlung am kommenden Mittwoch wissen. Für die CDU Fraktion bringt dagegen der Vorsitzende Gerrit Kringel einen Unterstützungsantrag in die Sitzung des Bezirksparlament ein. „Das Bezirksamt unterstützt die Planungen des Investors S., ein neues Gebäude für eine Karstadt-Filiale nach historischem Vorbild zu errichten und setzt sich in Abstimmung mit dem Senat und dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für ein kooperatives Bauplanungsvorhaben ein“, fordert die CDU-Fraktion darin.

Unter dem Titel „Kiezgestein – 90 Jahre Karstadt am Hermannplatz“ ist im 4. Obergeschoss bis zum Frühjahr 2020 eine Ausstellung über die Geschichte des Kaufhauses zu sehen.

=Christian Kölling=