Kritik und Anerkennung für die Frontal 21-Dokumentation „Wem gehört Neukölln?“

Ein halbes Jahr lang begleiteten die Autoren Christian Esser und Anne Herzlieb Bezirksbürgermeister Martin Hikel zu Polizeieinsätzen, Bürgerfesten und bei Terminen, in denen es um Immobilienspekulationen und steigende Mieten ging. Im Sommer wurde ihre 45-minütige Dokumentation „Mein Haus, mein Kiez, mein Clan – Wem gehört Neukölln?“ erstmals im ZDF ausgestrahlt.

Am Dienstagabend luden die beiden Frontal 21-Autoren zu einer öffentlichen Vorführung ihrer Sendung mit anschließender Podiumsdiskussion in den Heimathafen Neukölln. „Was muss passieren, damit Neukölln auch in Zukunft den Neuköllnern gehört und wie groß ist der Handlungsspielraum der Politik?“, wollten Esser und Herzlieb von ihren Gesprächsgästen wissen. Doch bevor die Veranstaltung im längst nicht vollbesetzten Heimathafen beginnen konnte, machten rund zwei Dutzend Protestierende mit großen Transparenten auf sich aufmerksam. „Die Neu-Neuköllner Medizin: Hikel steht drauf Sarrazin ist drin“, „Arme und Migranten sollen sich verziehn. Das macht den Kiez für Reiche clean“, lauteten zwei Parolen des Protestes, der nach einigen Minuten beendet wurde.

„Nirgendwo sonst in Deutschland sind die Mieten in den vergangenen zehn Jahren so rasant gestiegen wie in Neukölln“, waren die Teilnehmer der Podiumsdiskussion sich einig, auch wenn sie den Sachverhalt höchst unterschiedlich interpretierten. „Ja, die Mieten sind gestiegen, aber nirgendwo waren sie so niedrig wie in Berlin“, gab Corvin Tolle zu bedenken, der Geschäftsführender Gesellschafter der Rohrer Immobilien GmbH ist. Wer einen bestehenden Mietvertrag habe, könne nach wie vor in Neukölln günstig wohnen, erklärte der Immobilienmanager und nahm damit eine Außenseiterrolle auf dem Podium ein. „Wien ist das Ziel, wo die Reise hingehen muss“, forderte Bezirksbürgermeister Hikel, denn in Österreichs Hauptstadt sorge ein großer Bestand an kommunalen Wohnungen, der seit 1920 aufgebaut worden sei, nach wie vor für bezahlbare Mieten. „Die SPD hat schwere Schuld auf sich geladen“, sagte Gunter Fleischmann, und erinnerte daran, dass die rot-rote Berliner Landesregierung im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts viele Wohnungen preiswert verkauft habe, die nun teilweise teuer zurückgekauft würden. Ausdrücklich kritisierte der Geschäftsführer von Jugendwohnen im Kiez, dass der Träger nur Gewerbemietverträge für seine Wohneinrichtungen abschließen könne und forderte rechtliche Regelungen zur Begrenzung der Miethöhe.

„Sieben Wohnungen stehen seit Jahren in unserem Haus leer“, sagte Mieter Christian Kraft aus dem Haus in der Elsenstraße 75, für das der Bezirk Neukölln kürzlich das Vorkaufsrecht ausübte, um die Mieter vor drastischen Mietsteigerungen und Verdrängung zu schützen. Elena Poeschl, die im Dezember 2018 den Protest gegen einen dänischen Pensionsfonds organisierte, der sich am Rand des Böhmischen Dorfes groß einkaufen wollte, erinnerte sich daran, wie im Lauf der Protestaktionen eine Nachbarschaft wuchs, die es in dieser Form vorher nicht gab.

„Wer die Grundbucheinträge liest, weiß, dass Neukölln hauptsächlich Finanzinvestoren gehört“, antwortete der Stadtsoziologe Matthias Bernt pragmatisch auf die Frage im Titel der ZDF-Dokumentation „Wem gehört Neukölln?“. Der Forscher vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung räumte mit dieser Antwort die Frage nach dem Einfluss arabischer Clans in Neukölln ab, ohne dass an diesem Abend jemand widersprach. „Im Dezember berichten wir bei Frontal 21 über eine große Investorengruppe auf dem Immoblienmarkt“, kündigten Anne Herzlieb und Christian Esser am Ende an, ohne weitere Einzelheiten zu verraten.

Schräg gegenüber vom Heimathafen gab es unterdessen an der Saltykow-/Karl-Marx-Straße eine Gegenkundgebung zur Veranstaltung im Heimathafen. Dazu aufgerufen hatte die Initiative „Kein Generalverdacht“, deren Protest- & Shisha-Flashmob von der Neuköllner Linken unterstützt wurde. „Gemeinsam wollen wir der sensationalistischen Berichterstattung entgegenwirken, die unseren Stadtteil als Gefahrengebiet darstellt. Wir wollen protestieren gegen Schikane und Willkür im Rahmen der Shishabar-Razzien“, erklärten die Organisatoren des Shisha-Flashmobs, an dem gut 50 Personen teilnahmen. „Fast jede Woche gibt es Razzien in Karl-Marx-Straße, Sonnenallee oder den umliegenden Straßen. In den Medien steht, dass es um Clans und arabische Großfamilien geht. Aber meistens geht es um Kleinigkeiten und trotzdem kommt die Polizei in Hundertschaften“, kritisierte ein Sprecher der Initiative die Einsätze, zu deren Wirksamkeit die Linken-Abgeordneten Anne Helm und Niklas Schrader zwei umfangreiche Schriftliche Anfragen im Berliner Landesparlament gestellt haben.

=Christian Kölling=