„Wir haben es mit den ‚Mauergesprächen‘ geschafft, die Leute zusammenzubringen“

berliner mauer, heidelberger straße, neukölln, treptow„Wahnsinn“ – In der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 und in den darauffolgenden Tagen, war das das Wort, mit dem die überraschende Öffnung der Mauer zwischen Ost und West im Fernsehen, im Radio. in den Wohnzimmern und auf den Straßen am häufigsten kommentiert wurde. Was folgte auf die Euphorie der ersten Tage? Gibt es in Deutschland Ost und West weiterhin eine Mauer in den Köpfen, oder ist der Begriff nur eine abgedroschene Metapher?

Die Bezirke Neukölln und Treptow-Köpenick, die einst eine 16 Kilometer lange Mauer trennte, präsentierten in einem berlinweit einmaligen Kooperationsprojekt ihre gemeinsame Veranstaltungsreihe „Mauergespräche“, um diesen und anderen Fragen nachzugehen. Die Kulturwissenschaftlerin Jenifer Rasch und der Historiker Henning Holsten moderierten am Mittwochabend in der Treptower Bekenntniskirche die vorletzte Begegnung ihrer Gesprächsreihe. Unter dem Titel „Kirche ohne Grenzen“ sprachen sie mit Pfarrer Dieter Ziebarth und Pfarrer Dr. Bernd Krebs, die zur Wendezeit in Treptow und Neukölln arbeiteten, ohne allerdings unmittelbare Kontakte zu ihren jeweiligen Nachbargemeinden zu haben.

„Mir ist die Monströsität dieser Mauer erst jetzt richtig bewusst geworden“, erklärte Holsten einen Tag später auf einer gemeinsamen Bilanz-Pressekonferenz mit Jenifer Rasch. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Mauer plastisch und brutal vor uns stand“, erinnerte sich der 1969 geborene und in Schleswig-Holstein aufgewachsene Historiker, an einige Situationen während der Mauergespräche. Vor allem die Begegnung eines früheren Fluchthelfers mit einem ehemaligen Grenzsoldaten sei sehr emotional verlaufen und das Gespräch habe einmal sogar kurz vor dem Abbruch gestanden.

„Es hat den Leuten gut getan, dass sie sich aussprechen konnten“, beurteilte Rasch die Gesprächssituationen, in denen unterschiedliche Weltsichten während der Veranstaltungsreihe „Mauergespräche“ unvermittelt aufeinanderprallten. Grundsätzlich kritisierte die Kulturwissenschaftlerin, die in der Lausitz aufwuchs und 1989 im Vorschulalter war, dass die Menschen einander nicht richtig zuhörten und aufgrund weniger Anhaltspunkte voreilig Schlüsse ziehen würden.

„Wir haben es geschafft, die Leute zusammenzubringen, aber trotzdem gibt es – jedenfalls bei den Älteren – die Mauer in den Köpfen“, bilanzierten Rasch und Holsten am Donnerstag. Die Veranstaltungen seien immer gut besucht gewesen und alle angekündigten Zeitzeugen hätten tatsächlich teilgenommen, obwohl die Temperaturen an einigen Tagen sehr hoch waren.

Zur Gesprächsrunde am Mittwochabend in der Bekenntniskirche mit Pfarrer Ziebarth und Pfarrer Krebs waren zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer aus der Treptower Bekenntnis-Gemeinde und der Neuköllner Phillip-Melanchton Gemeinde gekommen, die sich bereits Anfang der 1980er Jahre regelmäßig in Treptow trafen, was damals eine große Ausnahme war. Das Gespräch am Mittwochabend dauerte knapp drei Stunden, und anschließend blieben die Gäste noch eine Stunde bei Einzelgesprächen zusammen.

=Christian Kölling=

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s