Zeitreisen auf Neuköllner Friedhöfen

Mareschstraße, Wanzlikpfad, Niemetz- und Jansastraße: Im Neuköllner Norden stößt man häufig auf Namen, die auf die von böhmischen Exulanten geprägte Entstehung Rixdorfs verweisen. Es sind Familiennamen, die vom Aussterben bedroht sind. „Die Zahl der Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine schrumpft erheblich“, muss auch Stefan Butt erfahren, der vor sechs Jahren seine Tätigkeit als Archivar für das Böhmische Dorf begann. „Damals“, sagt er, „folgten der traditionellen Osterprozession noch rund 200 Frauen und Männer aus der Gemeinde, bei der letzten waren es nur noch ungefähr 60.“

Entschieden frappierender war die Situation in der Mitte des 18. Jahrhunderts: Sie führte zur Entstehung des Böhmischen Gottesackers, der heute der zweitälteste der noch genutzten Friedhöfe Berlins ist und der Brüdergemeine sowie der Evangelisch-Reformierten und der Böhmisch-Lutherischen Bethlehemsgemeinde gehört. In den ersten 14 Jahren nach ihrer Ansiedlung in Böhmisch-Rixdorf starben 136 Menschen – zu viel für den kleinen Kirchhof an der Dorfkirche am Richardplatz, der der Gemeinde zugewiesen worden war. Deshalb wurde der Böhmischen Kolonie, die bis 1873 eigenständig war und auch einen eigenen Bürgermeister hatte, der Böhmische Gottesacker am Karl-Marx-Platz zur Verfügung gestellt. Am 3. September 1751 wurde er eröffnet.

Das Interesse, etwas über den ältesten Friedhof des Bezirks zu erfahren, war groß, als am vorletzten Oktober-Sonntag hier die vierte Zeitreisen-Staffel der Freunde Neuköllns begann. Etwa 30 Leute waren der Einladung gefolgt, sich von Stefan Butt in die Historie und Besonderheiten des gut 5.600 Quadratmeter großen Geländes einweihen zu lassen. Schon der Haupteingang – ein zwischen zwei Hauswänden montiertes, schmiedeeisernes Tor – lässt vermuten, dass es kein gewöhnlicher Friedhof ist. Anderes offenbart sich erst bei der Begehung.

Zunächst fällt die heterogene Gestaltung der Grabstellen auf. Sie sei auf religiöse Traditionen zurückzuführen und Ursache dafür, dass der Friedhof seit 1903 dreigeteilt ist, leitet Stefan Butt ein. Verstorbene Mitglieder der Brüdergemeine werden seitdem auf dem hinteren Terrain östlich des Hauptwegs bestattet. Westlich davon sind bis in Höhe der 1966 gebauten Kapelle die Gräber der Böhmisch-Lutherischen und beidseitig im vorderen Teil die der Evangelisch-Reformierten Gemeinde: Hier gibt es stehende Grabsteine, Kreuze, bunte Bepflanzungen und auch Erdbestattungen und Familiengräber. All das ist mit den Prinzipien der Herrnhuter unvereinbar. Begräbnisse werden seit jeher in  getrennten Frauen-, Männer- und Kinder-Abteilungen, nur mit liegenden, gleichförmigen Grabsteinen und in chronologischer Reihenfolge durchgeführt. Lediglich ein Ehepaar, das gemeinsam 1944 beim Bombenangriff auf Rixdorf starb, wurde gemeinsam bestattet, weist der Archivar hin.

Von besonderer Bedeutung sind aber die in die Friedhofsmauer eingelassenen Grabtafeln, die größtenteils aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Etwa 130 sind es, darunter auch die des ältesten Predigers der Brüdergemeine und späteren Bischofs Andreas Grasmann sowie die von Jan Pitmann und Adam Krystek, die zu den ersten böhmischen Kolonisten in Rixdorf gehörten. Letzterer kam 1737 aus Gerlachsheim nach Rixdorf und wurde zum Ackerwirt des Anwesens in der Richardstraße 90 ernannt. Noch heute ist das Grundstück im Familienbesitz; landwirtschaftlich genutzt wird es aber seit dem Tod von Daniel Krystek im Jahr 1903 nicht mehr.

Ein Teil der Grabtafeln stammt vom Böhmischen Gottesacker der Brüdergemeine am Halleschen Tor, der 1971 fast völlig dem Durchbruch zwischen Blücherstraße und Amerika-Gedenkbibliothek weichen musste. Der Zustand vieler Steine war allerdings so marode, dass sie Ende der 1980er Jahre vor dem Einsetzen in die Friedhofsmauer entlang der Kirchhofstraße umfassend restauriert und konserviert werden mussten. Andere Tafeln seien auf dem Weg von Kreuzberg nach Neukölln auf wundersame Weise ganz verschwunden und schließlich rekonstruiert worden, berichtet Stefan Butt.

Es sind solche Begebenheiten, Anekdoten und Detailkenntnisse der Experten, die den Reiz der Zeitreise-Führungen der Freunde Neuköllns aus- und die Bezirksgeschichte lebendig machen. Gleichwohl ist es generell ein Anliegen des 1983 gegründeten Vereins, an „bekannte und vergessene historisch bedeutsame Orte“ zu erinnern. Friedhöfe gehören zweifellos dazu, und die auf ihnen angelegten Grabstätten spiegeln beispielhaft die Epochen wider, in denen die Bestatteten lebten und wirkten.

Weitere Führungen der 4. Zeitreise des Freunde Neuköllns e. V.; die Teilnahme ist kostenlos, Spenden sind erwünscht:
17. November, 15 Uhr: Buckower Friedhof mit Prof. Bodo Manegold (Treffpunkt: Alt-Buckow 39b / Anmeldung erbeten bei Werner Schmidt: Tel. 030 – 62 900 735 oder denkmalpflege@neukoellner-freunde.de)
12. Januar, 14.30 Uhr: Friedhof Buschkrugallee mit Werner Schmidt (Treffpunkt: Buschkrugallee 38)
9. Februar, 14.30 Uhr: St. Jacobi I Friedhof mit Werner Schmidt (Treffpunkt Karl-Marx-Straße 4

Für ein unterrichtsbegleitendes Schülerprojekt, das speziell das Ende des 2. Weltkriegs in Neukölln behandeln soll, suchen Stefan Butt und der Archiv im Böhmischen Dorf e. V. noch Klassen der Jahrgangsstufen 6 bis 11. Weitere Informationen: boehmischesdorf@yahoo.com oder Tel. 030 – 68 999 720

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