100 Jahre Volkshochschule Neukölln: Auf dem Weg vom Neuen zum Nützlichen und schließlich zum Guten

Am Balkon über der Freitreppe des Neuköllner Rathauses ist derzeit ein langes Transparent angebracht: „Eine Schule der Demokratie. Zur Geschichte der Volkshochschule Neukölln 1919 – 2019“ ist darauf zu lesen. Das blaue Spruchband weist auf die neueste Ausstellung des Mobilen Museums Neukölln hin, die bis Mitte November in der ersten Etage des Gebäudes an der Karl-Marx-Straße zu sehen ist und anschließend in die schräg gegenüberliegende Stadtbibliothek weiterwandert.

Zum Beginn der Vernissage versetzte die Berliner Compagnie mit einer Performance die zahlreich erschienenen Besucher um hundert Jahre zurück in die Aula des Realgymnasiums in der Boddinstraße, wo am 9.Oktober 1919 der Neuköllner Schulstadtrat Dr. Artur Buchenau und der preußische Ministerpräsident Paul Hirsch die Reden zur Eröffnung der Volkshochschule Neukölln hielten. Es war damals – ein Jahr nach der Novemberrevolution 1918 – eine stürmische Zeit der Umbrüche, in der die neue demokratische Staatsform dem Volk bislang unbekannte Mitspracherechte bescherte. Der Volkshochschule kam deshalb die Aufgabe zu, die Bürgerinnen und Bürger bei der Wahrnehmung dieser Rechte zu unterstützen: Die Einwohner der Arbeiterstadt Neukölln sollten ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Sie sollten ihre Fähigkeiten zu kritischem Denken und eigenständiger Urteilsbildung ausbilden, um sich gleichberechtigt am politischen Leben beteiligen zu können.

„So ist diese Volkshochschule ein Werk genossenschaftlicher, gemeinschaftlicher Art und insofern ein hervorragendes Mittel der Erziehung. Der Weg muß, nach einem Goetheschen Worte, ausgehen vom Neuen, muß von da führen zum Nützlichen und schließlich zum Guten“, sagte der Neuköllner Schulstadtrat Buchenau 1919 in seiner Rede, die auszugsweise in der Festschrift zur Ausstellung des Mobilen Museums Neukölln abgedruckt ist. „Die Bildungsbestrebungen müssen Selbstzweck, sie dürfen nicht Mittel zum Zweck sein. Die Wissenschaft muß voraussetzungslos sein, auf der Volkshochschule noch mehr als auf der Universität“, erklärte damals Ministerpräsident Hirsch.

„Sehr viel, was vor hundert Jahren gesagt worden ist, könnte ich heute wiederholen“, knüpfte Bezirksstadträtin Karin Korte am Anfang ihrer Rede an, um den Bogen von den Auftritten der Schauspieler Jean-Theo Jost und H.G. Fries in die Gegenwart zu spannen. Sie verriet, dass sie in einer Phase der beruflichen Neuorientierung ohne klare Zielvorstellung -ohne Selbstzweck und uneigennützig – in der Volkshochschule Neukölln an einer Fortbildung als Theaterpädagogin teilgenommen habe. „Die Beweggründe, welche 1919 zur Gründung der Volkshochschule Neukölln führten, finden sich noch heute in der gesetzlichen Basis – dem Berliner Schulgesetz – und im Leitbild für die Berliner Volkshochschulen wieder“, erinnerte die Bildungsstadträtin in ihrem Grußwort und fügte an: „Die Selbstentwicklung und Selbstentfaltung der in Berlin lebenden Menschen zu fördern, sie zu ermächtigen, am gesellschaftlichen Leben und an der politischen Willensbildung teilzuhaben, Ungleichheiten entgegenzuwirken und ein friedliches, solidarisches und respektvolles Zusammenleben zu befördern – diese Motivation ist zeitlos und noch aktuell.“

Auf über einem Dutzend Tafeln zeichnet Ramona Krammer, die für Konzept, Recherche und Text der Ausstellung des Mobilen Museums Neukölln zuständig gewesen ist, die hundertjährige Geschichte der Neuköllner Volkshochschule nach, deren Betrieb im Herbst 1919 mit 25 Vorlesungen mit Übungen und 24 Sprachkursen begann und bis 2018 auf über 1.700 Veranstaltungen mit mehr als 20.000 Teilnehmenden anwuchs.

„Wir wollen, dass die Menschen durch Bildung ihr Leben und die gesellschaftlichen Aufgaben besser bewältigen können. Wir gehen über den alten Bildungsbegriff hinaus und akzeptieren auch ganz andere Voraussetzungen. Wir akzeptieren nämlich jeden Menschen. Das ist das Wesentliche der Volkshochschule“, sagte in einem Interview für eine der Ausstellungstafeln Bernd Müller, der von 2009 bis 2019 Direktor der Volkshochschule Neukölln war. Eine Grundsatzerklärung, auf die Uwe Krzewina, der seit kurzem der neue Leiter der Volkshochschule Neukölln ist, seine Arbeit aufbauen kann.

=Christian Kölling=