Ein Dorf für Co-Worker im Böhmischen Dorf

Traditionen spielen eine große Rolle im Böhmischen Dorf. Zahlreiche Familien sind Nachfahren böhmischer Exulanten und leben schon seit Generationen dort. Zugleich verändert sich zwischen der Richardstraße und Kirchgasse aber auch vieles, und vor allem das Entstehen des Unicorn-Villages Rixdorf wurde skeptisch beäugt. Zumal auf dem ehemaligen Grundstück einer Autowerkstatt Kahlschlag am Anfang stand und nicht alle Anwohner wussten, was sich genau hinter der Zielstellung verbirgt, Co-Working-Spaces in dem Vierseitenhof einzurichten.

„Sie eröffnen hier also ein Stundenhotel?“, wurden die Betreiber dann auch prompt gefragt, als sie die Nachbarschaft zur Besichtigung der sanierten Liegenschaft eingeladen hatten, erzählt Unicorn-Pressesprecher Benjamin Nick. Entsprechend wichtig sei es gewesen, das Konzept zu erklären. „Außerdem kennen wir natürlich die Debatte und Sorge um die Gentrifzierung und nehmen das sehr ernst.“

Der Standort in Neukölln ist der 13. im Portfolio des 2015 gegründeten Berliner Unternehmens, kürzlich wurde in München ein weiterer eröffnet. „Im Unicorn-Village in Rixdorf verwirklichen wir ein ganz besonderes Herzensprojekt: einen Workspace mit Dorfcharakter. Wir möchten unseren Coworker*innen mehr als nur einen Arbeitsplatz bieten; wir wollen eine Community aufbauen, bei welcher der Workspace mehr als nur ein Büro darstellt“, führt Benjamin Nick aus. Größere, offene Räume, ein Café und ein Innenhof, der gemeinschaftlich genutzt und auch begärtnert werden soll, sind die Grundlage für diese Ambition.

Knapp 300 rund um die Uhr nutzbare Arbeitsplätze zum Monatssalär zwischen 340 und 380 Euro stehen in Großraum- und kleineren Büros im Unicorn-Dorf für Freiberufler und Start-ups zur Verfügung. Bereits jetzt, gut zwei Monate nach der Eröffnung, sind viele davon vermietet; die Mindestmietdauer beträgt einen Monat, danach sind die Kündigungsfristen flexibel. „Zwölf Unternehmen haben sich schon bei uns angesiedelt und 18 von 28 Büros belegt. Darunter auch zwei Start-ups, die durch unser Stipendium gefördert werden, mit dem wir nachhaltige Geschäftsmodelle unterstützen. Das sind zum einen Sirplus, das sich darauf spezialisiert hat Lebensmittel zu retten, und zum anderen Youflake, das Müsli und Flocker verkauft. Zu unseren Mietern gehören aber auch wachstumsorientierte IT-Firmen und Unternehmen aus dem so genannten Proptech-Bereich, die sich um die Digitalisierung der Immobilienbranche kümmern, und aus dem Finanzdienstleistungsbereich“, fasst Nick die hohe Diversität der Co-Worker zusammen. Etwa ein Drittel von ihnen lebe auch in Neukölln.

Das Böhmische Dorf mit seinen Besonderheiten ist also einigen bereits vertraut oder zumindest bekannt. Neben dem Flair und der Architektur, sind es vor allem die Menschen, die den Charakter prägen. Als starke, fast schon familiäre Gemeinschaft erleben die Unicorn-Betreiber sie: „Viele Anwohner*innen kommen aktiv auf uns zu und stellen Fragen, die wir gerne beantworten.“

Eine der ersten Fragen war, ob nicht über den Innenhof ein Durchgang von der Kirchgasse zur Richardstraße eingerichtet werden könne: Als Übergangslösung gab es einen Schlüssel; nun ist ein drehbarer Knauf an der rückwärtigen Tür angebracht, der tagsüber für alle die Abkürzung nutzbar macht. Und dass ein Walnussbaum im kopfsteingepflasterten Zentrum des denkmalgerecht umgebauten Ensembles wächst, war ebenfalls ein Begehren aus der Nachbarschaft. In erster Linie herrschte bei den Alteingesessenen aber natürlich von Anfang an der Wunsch, dass durch das neue Dorf im Dorf nicht ständig Horden von Co-Workern durch ihren Kiez ziehen, um zu Restaurants oder Cafés zu gelangen: Bislang haben sich derartige Befürchtungen aber nicht bewahrheitet. Mehr junge Leute sähe man nun und das Viertel sei belebter, aber stören würde das nicht, ist von Anwohnern zu erfahren. Dass die Atmosphäre inzwischen gelitten hätte, wenn Vandalismus die Regel statt die absolute Ausnahme wäre, ahnt auch Benjamin Nick.

Sie fühlten sich als Teil der Community und seien stolz darauf, sagt er. Das integrierte Café mit Fair-Trade-Kaffee vom hauseigenem Barista trägt maßgeblich zur Öffnung in den Kiez bei: „Das Unicorn-Village Rixdorf hat sich bereits jetzt als Begegnungsstätte etabliert.“ Ein weiterer Beitrag zur Vernetzung mit der Nachbarschaft ist während des Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkts geplant. Parallel solle ein „Unicorn-Weihnachtsmarkt mit lokalen Berliner Labels mit sozialer oder nachhaltiger Orientierung und auch Bio-Food-Trucks“ stattfinden. Und im kommenden Sommer solle mit einer Reihe von Events im Innenhof weiter am noch aktiveren Austausch mit den Anwohnern gearbeitet werden.

=Gast=