„Mittelmeer-Monologe“ bringen die tödlichste Grenze der Welt auf die Bühne des Heimathafens Neukölln

„Ich will den Überfahrten menschliche Gesichter geben, statt nur abstrakte Zahlen zu verbreiten“, stellte Michael Ruf von der Bühne für Menschenrechte sein neuestes dokumentarisches Theaterstück bei der Uraufführung am vergangenen Donnerstagabend im Heimathafen Neukölln vor. Dann appellierte er an das Premierenpublikum: „Helfen Sie mit, dass die ‚Mittelmeer-Monologe‘ in möglichst vielen deutschen Städten zu sehen sind.“ Rund 700 Mal wurden seine ersten drei dokumentarischen Theaterstücke „Asyl -Monologe”, “Asyl-Dialoge” und “NSU-Monologe” in ganz Deutschland aufgeführt. Für sein viertes wortgetreues Theaterstück „Mittelmeer-Monologe“ führte der Autor und Regisseur mit Seenotrettern und Geflüchteten wieder insgesamt 40 Interviews, die viele Stunden, teilweise mehrere Tage dauerten.

Die im Gespräch gewonnenen Aussagen wurden zu Monologen umgeformt. „Wichtig dabei ist, dass wir nichts hinzu erfinden. Wir kürzen und kürzen, verdichten und verdichten die Interviews lediglich. Und wir behalten die sprachliche Ausdrucksweise der Interviewpartner bei“, erklärte Ruf bei der Vorab-Pressekonferenz am Mittwoch, an der auch Aktive des Projektes Alarm Phone und vom Sea-Watch e. V. teilnahmen. Während Alarm Phone als selbstorganisiertes Call-Center zwar keine Rettungsnummer ist, aber eine Nummer um Unterstützung und Rettung zu organisieren, hat sich Sea-Watch der zivilen Seenotrettung von Flüchtenden verschrieben.

Selma, die im Stück von Meri Koivisto verkörpert wird, teilt sich drei Schichten rund um die Uhr gemeinsam mit anderen Freiwilligen bei Alarm Phone. Immer wenn das Telefon klingelt, geht ein Adrenalinstoß durch ihren Körper. Sie informiert im Notfall die relevanten Küstenwachen, muss die in Seenot Geratenen am Telefon beruhigen und abwägen, ob im Einzelfall erst durch öffentlichen Druck eine Rettung veranlasst werden kann. Yassin aus Libyen, dem auf der Bühne Aydin Isik Stimme und Gestalt gibt, ist mit seiner schwangeren Frau auf der Flucht und sucht eines Tages Hilfe bei Selma . In Seenot geraten fürchtet er nichts so sehr, wie die Deportation nach Libyen, wo er bereits in einem Folter-Gefängnis saß. „In Libyen sind alle bewaffnet. Auch die Kinder“, berichtet Naomi aus Kamerun, deren Geschichte Sara Hiruth-Zewdi erzählt. Naomi floh vor der Familie als ihre zweijährige Tochter beschnitten werden sollte. Schließlich ziehen auch die Berichte des Seawatch-Kapitäns Joe, die Soheil Boroumand lebendig werden lässt, die Zuschauerinnen und Zuschauer während der rund eineinhalbstündigen Aufführung unmittelbar ins Geschehen auf dem Mittelmeer, wenn er fragt: „Was bedeutet es, wenn ein Schiff mit 80 Menschen sinkt?“

„2018 ertranken im zentralen Mittelmeer im Schnitt jeden Tag sechs Menschen bei dem Versuch das Mittelmeer zu überqueren“, stellt die Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen nüchtern auf ihrer Webseite fest. Die „Mittelmeer-Monologe“ bringen diese Tragödie mit ihren Augenzeugenberichte, die musikalisch mit Cello und Klavier begleitet werden, roh und direkt auf die Bühne. Verbunden ist die Aufführung mit der unmissverständlichen politischen Forderung, dass Europa seiner Verantwortung gerecht werden, sichere Fluchtwege schaffen und mehr Geflüchtete aufnehmen muss, weil weltweite Freizügigkeit für alle Menschen gelten müsse und nicht nur für wenige Privilegierte aus den entwickelten Industrienationen.

Nächste Aufführungen der „Mittelmeer-Monologe“ im Heimathafen Neukölln (Karl-Marx-Str. 141) vom 13. bis 17. Oktober sowie am 8., 10., 12., 14. und 15. Dezember um 19.30 Uhr. Eintritt: 18,60 Euro/erm. 12 Euro.

=Christian Kölling=