„Dosta heißt: Genug, es reicht !“: Dokumentationsstelle Antiziganismus fasst die Ergebnisse ihrer fünfjährigen Arbeit zusammen

„Mit Zigeunern wollen wir nichts zu tun haben.“ „Wir schließen keine Verträge mit Rumänen und Bulgaren ab.“ „Die Roma machen nur Lärm und Müll.“ In den letzten fünf Jahren hat die Dokumentationsstelle Antiziganismus, kurz Dosta, des Amaro Foro e. V. beleidigende und diskriminierende Aussagen und Vorfälle in insgesamt acht Lebensbereichen kontinuierlich erfasst. Am vergangenen Dienstag zog die Registerstelle, deren Akronym Dosta auf Serbisch, Kroatisch und in anderen Sprachen des Balkans „Genug, es reicht!“ bedeutet, eine ernüchternde Bilanz: Beim Antiziganismus ist keine Besserung in Sicht! Dosta hat von 2014 bis 2018 insgesamt 699 antiziganistische und diskriminierende Vorfälle erfasst. 2018 blieb die Zahl mit 161 Vorfällen auf dem beunruhigend hohen Niveau des Vorjahres, als 167 Vorfälle registriert wurden. Der detaillierte, 90 Seiten umfassende Rückblick ist auf der Webseite www.amaroforo.de/antidiskriminierungsarbeit veröffentlicht.

„Wir beobachten, dass Menschen mit selbst- oder fremdzugeschriebenem Roma-Hintergrund unter Generalverdacht zu stehen scheinen – bei den Behörden, aber auch in Schulen, gesetzlichen Krankenkassen, am Arbeitsplatz und im Kontakt mit Justiz- und Ordnungsbehörden. Für sie sind Beleidigungen, Bedrohungen und sogar Angriffe eine schmerzliche alltägliche Erfahrung und etwas, womit im Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft jederzeit zu rechnen ist“, sagte Georgi Ivanov, Vorstandsmitglied von Amaro Foro. „Dies wirkt sich massiv auf ihre individuellen Biografien und ihre Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe aus“, kommentierte er während der Bilanzpressekonferenz im Aufbau-Haus am Moritzplatz.

„Die meisten Meldungen haben uns in allen Projektjahren aus den Lebensbereichen ‚Kontakt zu Leistungsbehörden‘ sowie ‚Alltag und öffentlicher Raum‘ erreicht. Dabei handelt es sich sowohl um individuelle antiziganistische Verhaltensweisen als auch um strukturelle Ausschlüsse, um latenten ebenso wie um expliziten Antiziganismus“, erklärte Projektmitarbeiterin Violeta Balog. 216 Vorfälle wurden in den vergangenen fünf Jahren im Bereich „Kontakt zu Leistungsbehörden“ und 140 Meldungen in der Kategorie „Alltag und öffentlicher Raum“ aufgenommen. Das sind 37 bzw. 24 Prozent aller Beschwerden. Die Gesamtzahl der Vorfälle betrug 588.

„Einen wichtigen Hintergrund dieser Vorfälle bilden politische und mediale Debatten, die in den letzten Jahren immer stärker antiziganistisch geprägt waren. Deshalb beinhaltet das Projekt von Beginn an auch ein Medienmonitoring, um die Vorfälle in einen gesellschaftlichen Kontext einordnen zu können“, sagte Andrea Wierich, Pressesprecherin von Amaro Foro. Wierich, die im fachlichen Austausch mit der Gesellschaft für Antiziganismusforschung, der Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, dem Mediendienst Integration und den Neuen Deutschen Medienmacher*innen steht. untersucht antiziganistische Medienberichte und entwickelt daraus Empfehlungen, die zur gezielten Sensibilisierung Medienschaffender genutzt werden. Die Artikel werden zum einem mit Schlagworten wie „Roma“ gesucht und zum anderen mit Begriffen wie „Rumänen“, „Bulgaren“, „Südosteuropäer“, „Osteuropäer“ und „Wanderarbeiter“, die häufig als Chiffren für Romnja und Roma verwendet werden. Bei der von Amaro Foro organisierten Fachtagung „Antiziganismus in den Medien“ im Oktober 2018 wurde die Forderung nach Workshops für Journalisten diskutiert. Ziel solcher Workshops ist es, für typische antiziganistische Klischees zu sensibilisieren und Ratschläge für diskriminierungsfreie Formulierungen und Bebilderungen zu entwickeln.

In Neukölln kommen seit Mai 2009 Roma und Nicht-Roma alljährlich zum Herdelezi-Fest in der Boddinstraße zusammen, das am St. Georgstag ,der für christlich-orthodoxe und muslimische Roma einer der wichtigsten Feiertage ist, gefeiert wird. Hilfe und Beratung für Romnja, Roma und Menschen, denen ein Roma-Hintergrund zugeschrieben wird, geben Amaro Foro Geschäftsführerin Agnes Zauner und ihre Mitarbeiter im Büro des transkulturellen Jugendverbandes am Weichselplatz.

=Christian Kölling=