Gegen Tabus und Stigmatisierungen

Diabetes, Herzschwäche, Krebs oder Rheuma: Wer chronisch krank ist, weiht in der Regel schon aus eigenem Interesse das Umfeld ein. Schließlich soll niemand völlig unvorbereitet sein, wenn einmal Unterstützung erwünscht oder notwendig ist. Ganz anders ist es oft, wenn jemand psychisch erkrankt ist, was hierzulande jährlich auf etwa 27,8 Prozent aller Erwachsenen zutrifft. Jede/r Vierte hat also Erfahrungen mit Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen, Zwängen oder dem Krankheitsbild „bipolare Störung“, das früher „manisch-depressiv“ genannt wurde. Darüber zu sprechen, vermeiden aber nicht nur viele Betroffene, sondern oft auch deren Angehörige, weil psychische Probleme immer noch ein Tabuthema und Erkrankte Stigmatisierungen ausgesetzt sind.

Um die Problematik ins gesellschaftliche Bewusstsein zu hieven und bestenfalls dort zu verankern, gibt es seit 1992 immer am 10. Oktober den World Mental Health Day. Auch in Deutschland finden an dem Aktionstag, symbolisiert durch die grüne Schleife, zahlreiche Veranstaltungen statt: In Berlin wird seit Jahren sogar eine Woche der seelischen Gesundheit organisiert, an der ab Donnerstag auch wieder diverse Neuköllner Einrichtungen teilnehmen.

Konkretes Zahlenmaterial hinsichtlich psychisch Kranker im Bezirk liegt zwar nicht vor, doch gesichert scheint, wie Hannes Rehfeldt, der Referent von Gesundheitsstadtrat Falko Liecke, auf Anfrage mitteilte, „dass soziale Faktoren die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Erkrankung erhöhen.“ Daher sei davon auszugehen, dass der Anteil von Neuköllnern und Neuköllnerinnen aller Altersgruppen, die mindestens einmal im Leben psychisch erkranken, höher als im Bundesdurchschnitt liegt. Von den Frauen und Männern mit türkischem Migrationshintergrund seien sogar 80 Prozent betroffen.

Eine Betreuung durch den Sozialpsychiatrischen Dienst (SpD) des Bezirks nehmen aber längst nicht alle Erkrankten in Anspruch. „Es ist von einer hohen Dunkelziffer an Personen auszugehen, die eine sozialpsychiatrische Unterstützung benötigten“, sagt Rehfeldt. Lediglich rund 3.400 Menschen habe der SpD in 2018 Hilfe geleistet, wobei es im vergangenen Jahr in 1.801 Fällen zwei oder mehr Betreuungskontakte gab, was eine wiederkehrende oder chronische Erkrankung bedeute. Ausschließen könne man sie jedoch auch nicht bei den 408 Fällen mit nur einmaligem Kontakt zum SpD.

„Vorwiegend sind es Erwachsene mit schizophrenen und schizoaffektiven Störungen, Alkoholabhängigkeit und Polytoxikomanie, Belastungs- und Anpassungsstörungen als auch mit depressiven oder bipolar affektiven Störungsbildern, die vom Sozialpsychiatrischen Dienst Neukölln versorgt werden“, zählt Lieckes Referent auf. Der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst (KJPD) Neuköllns registriere derweil insbesondere Sozialverhaltensproblematiken, ADHS und emotionale Belastungen sowie fetales Alkoholsyndrom und Überforderung im schulischen Alltag; bei Flüchtlingen kämen noch posttraumatische Belastungen hinzu. „Die Zahl der beim KJPD gesehenen Familien“, so Rehfeldt, „lag 2018 bei circa 900, je nach Bedarf wurden sie zeitweise wöchentlich bis einmal jährlich vorstellig.“

Während ein voll- oder teilstationärer Aufenthalt in der Psychiatrie für viele Erkrankte vermeidbar ist, sind ambulante Therapie-Maßnahmen per se unumgänglich, um die Seelenqual in den Griff zu kriegen und den Betroffenen ein mehr oder weniger normales Leben mit ihr zu ermöglichen. Neben therapeutischen oder psychiatrischen Praxen stehen in Neukölln über den Bezirk verteilt vier Tageskliniken zur Verfügung, die vom Vivantes Klinikum betrieben werden und bei der Wiedererlangung einer Tagesstruktur, sozialer Kompetenzen und dem Umgang mit dem Krankheitsbild unterstützen. 647 Aufnahmen verzeichneten sie im vergangenen Jahr; die beiden tagesklinischen Einrichtungen des Krankenhauses, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert sind, nahmen derweil 110 Mädchen und Jungen auf.

Dass die Zahl seelischer Erkrankungen bei Minder- und Volljährigen angesichts steigender sozio-ökonomischer Belastungen weiter zunehmen wird, ist einhellige Expertenmeinung. Bereits jetzt sind Symptome der Psyche in Deutschland der Grund für rund jede fünfte Krankschreibung und die Anzahl entsprechender Fehltage hat sich mit einem Mittelwert von 35 in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als verdreifacht. Außerdem sind sie mittlerweile der häufigste Anlass für eine Frühverrentung. Mentale Probleme stellen folglich keinesfalls ein Minderheitenphänomen dar.

Weshalb aber wird z. B. über Depressionen nicht so selbstverständlich wie über ein gebrochenes Bein gesprochen und Betroffenen – allein in Deutschland 5,3 Millionen – noch zusätzlich der Makel vom Weichei mit mangelnder Selbstdisziplin übergestülpt? „Wir verstehen die Ursachen von Depressionen noch nicht vollständig und können das Denken und Empfinden der Betroffenen auch nicht in Gänze nachvollziehen“, erklärt die Stiftung Gesundheitswissen diese gesellschaftliche Ignoranz, deren Folge nicht selten eine soziale Isolation ist. Unabdingbar sei es deshalb, insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Thema Stigmatisierung bei Krankheiten zu fördern: „Durch Aufklärung und gute Gesundheitsinformationen kann es gelingen, über Hintergründe, Ursachen und Folgen zu informieren und Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind und Hilfe in Anspruch nehmen dürfen und sollten.“

Das Programm der Berliner Woche der seelischen Gesundheit im Bezirk Neukölln:

Do., 10. Oktober:

12 – 16 Uhr: Gemeinsam statt einsam – Gemeinsam im offenen Dialog mit Neukölln
Veranstalter: Akteur*innen der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Neukölln
Ort: Klunkerkranich, Karl-Marx-Str. 66

15 – 17 Uhr: Tag der offenen Tür
Führung durch die Tageskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Neukölln und Kennenlernen diagnostischer und therapeutischer Angebote.
Veranstalter/Ort: Vivantes Klinikum Neukölln, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Zadekstr. 53

17 – 21 Uhr: Mentale Gesundheit in der Stadt
Klima-Angst, Burnout, Achtsamkeit: Was Menschen im urbanen Umfeld bewegt. Themenabend mit vier Vorträgen über mentale Gesundheit für Menschen im urbanen Umfeld.
Veranstalter/Ort: Ein guter Verlag, Weisestr. 36 (Anmeldung erforderlich)

17:30 – 19 Uhr: Der offene Dialog in der Akutpsychiatrie – Erfahrungen in Neukölln
Einführung zum Offenen Dialog und Austausch über die Anwendungen in der Klinik.
Veranstalter/Ort: Vivantes Klinikum Neukölln, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Rudower Str. 48

Fr., 11. Oktober:

16 – 18 Uhr: Gesunde Alltagsküche
Tischgespräch mit Ergotherapeutin Annette Kugler.
Veranstalter/Ort: Unionhilfswerk – Kontakt- und Beratungsstelle Terra, Hertzbergstr. 7/8

Di., 15. Oktober:

15 – 17 Uhr: Tag der offenen Tür
Tag der offenen Tür der Tageskliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Neukölln.
Veranstalter/Ort: Vivantes Klinikum Neukölln, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, An der Wuhlheide 232A

Mi., 16. Oktober:

10 – 15 Uhr: Tag der offenen Tür (mit Workshops)
Gemeinsam Schritt für Schritt beruflich voran kommen. Das kann Ihr Weg in ein zufriedenes Berufsleben sein.
Veranstalter/Ort: BWB Werkstatt am Hafen, Lahnstr. 3

15 – 16:30 Uhr: Gemeinsam statt einsam
Ein Rundgespräch zu den vielfältigen Möglichkeiten der Selbsthilfe.
Veranstalter/Ort: Deutscher Guttempler-Orden Berlin, Wildenbruchstr. 80

18 – 19:30 Uhr: Suchtfrei – der beste Weg zu seelischer Gesundheit
Die Guttempler-Organisation weist auf Wege zum suchtfreien Leben hin.
Veranstalter/Ort: Deutscher Guttempler-Orden Berlin, Wildenbruchstr. 80

18:30 – 20 Uhr: Empowerment (Selbstbestimmung und Autonomie) bei Angst und Depressionen
Ein Abend für Betroffene und Angehörige mit Exponaten aus der Ausstellung „Die Shitshow. Eine Ausstellung über Scheißgefühle.“
Veranstalter/Ort: Selbsthilfezentrum Neukölln, Lipschitzallee 80 (Anmeldung: shkgropiusstadt@t-online.de, Tel. 030 – 605 66 00 / Preis: 2 €)

19 – 21 Uhr: Gemeinsam singen statt mit der Einsamkeit ringen
Anstatt nur über mögliche Wege aus der Einsamkeit zu sprechen, möchten wir mit Euch gemeinsam singen und musizieren.
Veranstalter/Ort: Frauen*NachtCafé, Mareschstr. 14

Do., 17. Oktober:

10 – 16 Uhr: Tag der offenen Tür
Beschäftigungstagesstätte für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen – ein Ort der Gemeinschaft
Veranstalter/Ort: Unionhilfswerk Beschäftigungstagesstätte Neukölln, Donaustr. 83

Fr., 18. Oktober:

16 – 19 Uhr: Raus aus dem Teufelskreis – Solidarität statt Vereinzelung
Gemeinsam kämpfen statt einsam enden: Die Solidarische Aktion Neukölln begegnet dem Stress mit Ämtern, Chefs und Vermietern mit solidarischem Handeln.
Veranstalter: Solidarische Aktion Neukölln
Ort: Ori, Friedelstr. 8

=Gast=

Eine Antwort

  1. Ich danke Ihnen, daß Sie dieses ungeheuer wichtige Thema aufgegriffen haben und es in sehr informativer, unaufgeregter Form in die Öffentlichkeit bringen. Bitte mehr davon!
    Ich bin selbst betroffen und überlege mir genaustens, wem ich von meiner Schizophrenie berichte, weil es meistens ohnehin nur dazu führt, daß ich als verrückt abgestempelt werde und die Menschen auf Abstand gehen.

    Liken

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