Regie-Debüt von Inka Löwendorf mit „Der Morphinist“ im Heimathafen Neukölln

Inka Löwendorf ist als Mitbegründerin und künstlerische Leiterin des Heimathafens Neukölln ebenso bekannt wie als Amüsierdame Jule aus dem Trio der „Rixdorfer Perlen“ des volkstümlichen Theaters. Zum Auftakt der neuen Spielzeit gab Löwendorf am vergangenen Freitagabend im Studio des Heimathafens nun ihr Regie-Debüt mit dem Zwei-Personen-Stück „Der Morphinist“, das frei nach der Kurzgeschichte „Sachlicher Bericht über das Glück ein Morphinist zu sein“ von Hans Fallada entstand. Auf einer Schräge, die mitten auf der Bühne steht, lassen Inka Löwendorf und ihr Schauspielerkollege Alexander Ebeert umgeben von schwarzen Vorhängen mit Silberstreifen in rasch wechselnden Rollen und kurz aufeinanderfolgenden Szenen die wichtigsten Stationen im Leben des Schriftstellers Revue passieren.

Familienvater, Exzentriker, Psychiatrie-Patient, Gefängnisinsasse, Morphinist und Trinker: Hans Fallada, der als Rudolf Ditzen in gutbügerlichen Verhältnissen 1893 in Greifswald geboren wurde und 1947 in Berlin mit 53 Jahren starb, war in seinem Leben alles andere als ein leuchtendes Vorbild. Sein literarisches Werk, das mit illusionslos nüchternen Schilderungen dem Genre der neuen Sachlichkeit zugerechnet wird, gehört indessen zweifellos zu den Glanzstücken der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Titel wie „Kleiner Mann – was nun?“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ oder „Jeder stirbt für sich allein“ sind bis heute geläufig. „Was vor allem auffällt, ist die Echtheit des Jargons. Das kann man nicht erfinden, das ist gehört. Und bis auf das letzte Komma richtig wiedergegeben: es gibt eine Echtheit, die sich sofort überträgt: man fühlt, dass die Leute so gesprochen haben und nicht anders“, charakterisierte Kurt Tucholsky diese Sachlichkeit als er Falladas ersten Erfolgstitel „Bauern, Bonzen und Bomben“ im März 1931 in der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ rezensierte.

„War Fallada ein Opfer von Krankheiten, Depressionen und seiner immer wiederkehrenden Drogensucht? Oder war er ein egomanischer Täter, der – teils unter Drogeneinfluss – log, betrog und seinen engsten Freunden und Verwandten immer wieder vor den Kopf stieß?“, um diese beiden Fragen kreist die eineinhalbstündige Aufführung, ohne allerdings endgültige Antworten zu geben. Nahtlos wechselt Löwendorf zwischen den Rollen der treusorgenden Ehefrau Suse, der morphiumsüchtigen Geliebten Falladas Ulla und spielt den kleinen Rudolf. Alexander Ebeert, der meist den Erwachsenen Fallada gibt, verkörpert Rudolfs Hasen ebenso wie die strenge und verständnislose Tante des Kindes.

Regisseurin Inka Löwendorf teilt offenkundig die Vorliebe des Schriftstellers für die Nachtseiten menschlichen Lebens, für die labilen, angekränkelten und verzweifelten Helden. Ihre unterhaltsame Inszenierung macht neugierig auf Leben und Werk von Hans Fallada, beschreibt aber nur die Zustände und bietet keine tiefergehenden Erklärungen an.

Nächste Vorstellungen am 27. und 28. September um 19.30 Uhr im Heimathafen Neukölln (Karl-Marx-Str. 141, Tel. 030 – 56 82 13 33), Tickets: 18,60, ermäßigt ab 9.80 Euro.

=Christian Kölling=